Schubumkehr: Wenn das Spital die Ordination ersetzt

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Autor: Josef Ruhaltinger

In Hartberg, Rottenmann und Deutschlandsberg laufen Pilotprojekte zwischen Land, Sozialversicherungen und KAGes. Mit der Hilfe von Kliniken sollen Lücken in der niedergelassenen Versorgung geschlossen werden.

So muss der Wunsch eines Gesundheitsökonomen ans Christkind ausschauen: Ein Gesundheitsbereich hat in einer österreichischen Region personelle Versorgungsschwierigkeiten – und ein anderer Gesundheitsbereich hilft aus. Die regionale Versorgung ist aufs Erste gesichert. So passiert derzeit im steirischen Hartberg. Dort geht mit Jahresende der letzte gynäkologische Kassenarzt in Pension. Seine Stelle wurde bereits zweimal ausgeschrieben – ohne Resonanz. Eine zweite, fachgleiche Kassenstelle ist in der Bezirksstadt ebenfalls seit Jahren nicht zu besetzen. Rund 25.000 Frauen im Bezirk hätten damit keinen Zugang mehr zu einer gynäkologischen Kassenordination.

Die Lösung ist gleichsam systemsprengend: Die Versorgungsleistungen des ÖGK-finanzierten Kassenarztes übernimmt seit November das (großteils) länderfinanzierte LKH Hartberg. Dieses Modell ist seit Oktober auch in Rottenmann am Laufen. Und der LKH-Verbund Südweststeiermark wird in naher Zukunft in Deutschlandsberg eine kinderärztliche ambulante Betreuung anbieten. Für Kritiker – es gibt keine anderen Kenner mehr – des heimischen Gesundheitssystems ist dieses Projekt zum Zungenschnalzen: Es finden sich ambulante und stationäre Strukturen zusammen, um ein Versorgungsproblem zu lösen. Zwar soll der Reisetrend der Patientinnen und Patienten – die patient journey – in der Regel aus den teuren Kliniken in die (günstigeren) niedergelassenen Ordinationen führen. Aber wenn der Brückenschlag in die andere Richtung erfolgt, so ist zumindest die Möglichkeit der Kooperation bewiesen.

Der Situation geschuldet. Eigentlich sollen Ordinationen die Landeskliniken entlasten. Wenn sich aber keine Kassenärzte finden, muss es auch in die andere Richtung funktionieren.

KAGes und ÖGK reagieren gemeinsam auf den Ärztemangel

In Hartberg reagierte die ÖGK auf die unbesetzte Kassenstelle mit einer neuen Form der Kooperation: Sie regte nach eigenen Angaben die Kooperationen mit dem steirischen Spitalsträger an. Dabei übernehmen die LKHs kassenärztliche Leistungen in Form einer sogenannten dislozierten Ambulanz – also einer ausgelagerten Ordination auf Spitalsgelände, die aber völlig vom Spitalsbetrieb getrennt ist. Die Ordination in der Klinik ist an drei Tagen der Woche geöffnet, allerdings müssen telefonische Terminvereinbarungen getroffen werden. Ein ungeregelter Patientinnen-Zugang wie in Spitalsambulanzen ist in die Ordinationsräume am Hartberger LKH-Gelände nicht möglich. Baulich konnte der Aufwand in Grenzen gehalten werden: Die Kassenordination befindet sich im Erdgeschoß der Hartberger Klinik, der Zugang wie auch Parkmöglichkeiten befinden sich im Bereich der Rettungszufahrt. Auch in Rottenmann ist die neue Ordination in den Räumlichkeiten der bestehenden Gyn-Ambulanz untergebracht. Für den Standort Deutschlandsberg werden bestehende Seminarräumlichkeiten adaptiert, und es konnte eine Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde gewonnen werden. KAGes-Vorstand Ulf Drabek: „Die Verfügbarkeit der Personalkapazitäten war eine grundlegende Voraussetzung für die Umsetzung der Kassenordinationen.“ Die ärztliche Besetzung erfolgt über Fachärztinnen des LKH im Rotationssystem.

Die Finanzierungsplanung darf als innovativ gelten: Zwischen KAGes, Sozialversicherungsträgern und Gesundheitsfonds Steiermark wurde eine Vereinbarung getroffen, die eine pauschale Abgeltung der Leistungen an die KAGes vorsieht. Auch ÖGK-Landesstellenausschussvorsitzende Beatrice Erker sieht laut Austria Presse Agentur in der Kooperation einen pragmatischen Schritt: „Wenn es uns nicht mehr möglich ist, eine mehrmals ausgeschriebene Kassenstelle zu besetzen, dann versuchen wir, neue Wege einzuschlagen.“ Dabei werden die beteiligten KAGes-Beschäftigten nicht müde zu betonen, nur aushilfsweise anzutreten. Die Oberärztin der Abt. für Gynäkologie am Standort Hartberg, Kristin Braunsteiner, unterstreicht in einer Presseaussendung, sich „als Ergänzung der fachärztlichen Versorgung in der Region und keinesfalls als Konkurrenz zu den Kolleginnen und Kollegen im niedergelassenen Bereich zu sehen“. Die vorsichtigen Statements lassen erahnen, wie behutsam alle Beteiligten das Terrain der systemübergreifenden Kooperation betreten.

Lückenfüller.
KAGes-Vorstand Ulf Drabek: „Die Verfügbarkeit der Personalkapazitäten war eine grundlegende Voraussetzung für die Umsetzung der Kassenordinationen.“

Von der Notlösung zum Pilotprojekt

Der Ärztemangel im ländlichen Raum zwingt die Gesundheitsverwaltung zu flexiblen Lösungen. Klassische Einzelordinationen finden kaum mehr Nachfolger, vor allem in Fächern wie Gynäkologie oder Pädiatrie. Für die ambulante Versorgung und die verantwortlichen Krankenkassen bedeutet das, nach vorhandenen Strukturen Ausschau zu halten, die die Lücken füllen können. Kooperationen mit der KAGes boten sich an. Das erste steirische Projekt dieser Art ist Mitte Oktober – noch vor Hartberg – im Ennstal gestartet: die „Frauengesundheit Rottenmann“. Am LKH Rottenmann-Bad Aussee wurde eine vollwertige Kassenordination für Gynäkologie und Geburtshilfe eröffnet. Sie befindet sich in den bestehenden Räumen der gynäkologischen Ambulanz und wird organisatorisch von der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe mitbetreut. Auch dort wird das Modell von ÖGK, SVS und BVAEB finanziert, koordiniert durch den Gesundheitsfonds Steiermark. Die angebotenen Leistungen entsprechen vollständig einer niedergelassenen Kassenfacharztpraxis – inklusive Vorsorge, Eltern-Kind-Pass, Hormonberatung, Verhütung und kleineren ambulanten Eingriffen.

Kooperation statt Konkurrenz

Gesundheitsökonomisch betrachtet nutzen die steirischen Modellversuche vorhandene Kapazitäten aus dem stationären Bereich, was als ungewöhnlich bezeichnet werden darf. Die strategischen Vorgaben verlaufen genau andersrum: Angestrebt wird, aufgrund der Kostensituation und mithilfe des medizinischen Fortschritts, österreichweit den stationären Bereich zu verkleinern und die ambulante Versorgung auszubauen. Blöd nur, wenn sich für manche Regionen und Fächer kein Arzt oder keine Ärztin finden, die mit einem Kassenvertrag arbeiten wollen. Die steirischen Modelle reagieren auf Situationen, die es eigentlich nicht geben sollte. Daher werden hybride Modelle zunehmen, in denen aus stationären Strukturen niedergelassene Leistungen auf kassenvertraglicher Basis erbracht werden. Aber die Vorhaben sind willkommener Nachweis, dass die ideologischen Brandmauern zwischen den stationären und niedergelassenen Bereichen überwunden werden können. Dies ist umso einfacher, als das Land Steiermark bei den „dislozierten Ambulanzen“ nicht mitzahlen muss. Aber vielleicht erfüllt sich so, ganz ohne Christkind, der Wunsch vieler Gesundheitsökonomen: ein System, das zusammenarbeitet.

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