Untersuchungen zeigen, dass in den Spitälern bei medikamentösen Therapien rund 45 % der unerwünschten Ereignisse vermeidbar sind. Jetzt wurden Empfehlungen zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit in Akutversorgungseinrichtungen und der stationären Langzeitpflege erarbeitet.
In österreichischen Krankenhäusern gibt es derzeit keine gesetzlich festgelegten Qualitätskriterien, welche die Sicherheit der Arzneimitteltherapie verbindlich regeln. Dabei zeigen die Zahlen deutlich, wie dringend Verbesserungen notwendig sind. Untersuchungen belegen, dass es bei 5–15 % der stationär behandelten Patient:innen zu unerwünschten Ereignissen im Zusammenhang mit der medikamentösen Therapie kommt, von denen etwa 45 % vermeidbar sind (Thürmann 2014). Die Folgen sind gravierend: Jeder zehnte Krankenhausaufenthalt ist auf Schäden durch Medikamente zurückzuführen, und jede fünfte hospitalisierte Person erleidet im Laufe ihres Aufenthalts einen medikamentenbedingten Schaden (de Bienassis et al., 2022).

Gesicherte Prozesse.
Jeder zehnte Krankenhaus-aufenthalt ist auf Schäden durch Medikamente zurückzuführen. Neue Leitlinien sollen die Qualität der Verabreichungs-verfahren sichern.
Das Ziel der Arbeitsgruppe ist es, unter Bezugnahme auf die WHO-Kampagne „Medication without Harm“ konkrete nationale Qualitätskriterien und Indikatoren zur Anhebung der Arzneimitteltherapiesicherheit zu definieren und langfristig gesetzlich zu verankern.
Der Medikationsprozess im Krankenhaus besteht aus mehreren Schritten – und in jedem davon können Fehler auftreten. Besonders häufig kommt es zu Problemen bei:
– Verordnung (47 %)
– Überwachung der Therapie (39,66 %)
– Verabreichung der Medikamente (22,14 %)
– Transkribieren und Verifizieren (5,63 %)
– Dispensieren (4,3 %)
Diese Zahlen zeigen: Fehler entstehen nicht nur beim Verschreiben, sondern entlang der gesamten Behandlungskette (WHO 2024).
Zusammenarbeit statt Einzelverantwortung
Ein zentraler Vorschlag ist die sogenannte Verschreibungspartnerschaft. Dabei arbeiten Ärzt:innen, Pflegepersonal, Apotheker:innen als interdisziplinäres Team zusammen, der Patient bzw. die Patientin steht im Mittelpunkt. Ziel ist es, Entscheidungen gemeinsam zu treffen und Risiken frühzeitig zu erkennen.
Das Ziel ist klar formuliert: „Rahmenbedingungen schaffen, die den Medikationsprozess im Krankenhaus von der Verordnung bis zur Verabreichung der Medikamente optimieren.“ Dazu braucht es Qualitätskriterien und Indikatoren, die messbar machen, ob Verbesserungen tatsächlich greifen.
Drei Bereiche gelten als besonders wichtig:
- Polypharmazie – also die gleichzeitige Einnahme vieler Medikamente.
- Hochrisiko-Medikamente – Arzneien, bei denen Fehler besonders gefährlich sind.
- Schnittstellenmanagement – Übergänge zwischen Abteilungen oder zwischen dem Krankenhaus und dem niedergelassenen Bereich.
Insbesondere das Schnittstellenmanagement ist hervorzuheben, da an diesen Punkten häufig Missverständnisse oder Informationsverluste entstehen.

Schlüsselelemente für mehr Arzneimitteltherapiesicherheit
Der Medikationsprozess wird in fünf zentrale Bereiche unterteilt – für jeden gibt es im ASQS Paper (1) konkrete Empfehlungen, hier beispielhaft angeführt:
- Angemessene Verschreibung und Risikobewertung
> Einsatz elektronischer Fieberkurven
> Digitale Unterstützungssysteme, die Fehldosierungen oder gefährliche Kombinationen verhindern - Medikationsanalyse
> Besonders wichtig für Hochrisiko-Medikamente
> Ebenso für Patient:innen mit erhöhtem Risiko
> Voraussetzung: klinisch-pharmazeutische Expertise muss verfügbar sein - Dispensieren, Zubereitung und Verabreichung
> Sichere Arbeitsumgebungen
> Gut geschultes Personal
> Etablierung eines Closed Loop Medication Process – also eines geschlossenen, digital unterstützten Kreislaufs ohne Medienbrüche
> Zubereitung von Hochrisiko-Medikamenten zentral in der Apotheke
> Digitale Lösungen für ein verlässliches Vier-Augen-Prinzip - Kommunikation und Einbindung der Patient:innen
> Klare Informationen über Medikamente und deren Anwendung
> Offene Gespräche und Einbindung der Patient:innen in den Behandlungsprozess
> Förderung der Therapietreue (Adherence) - Medication Reconciliation (Medikationsabgleich)
> Systematischer Abgleich der Medikamente bei Aufnahme, Verlegung und Entlassung
> Erstellung eines standardisierten Medikationsplans
> Ergänzung relevanter Diagnosen im Entlassungsbrief
Hilfsmittel und Standards
Zur Umsetzung stellt die ASQS verschiedene Hilfsmittel bereit, darunter:
– Definitionen zu Hochrisiko-Medikamenten und Closed Loop Medication Management
– Checklisten für patient:innenzentrierte Medikationsanalyse, für sicheres Zubereiten und Verabreichen und zum Medikationsabgleich an den Schnittstellen
– Kriterien zur Identifikation von Risiko-Patient:innen
– Die „5 Momente der Arzneimitteltherapiesicherheit“ für die Kommunikation mit Patient:innen
Fazit
Die Sicherheit der Arzneimitteltherapie ist ein zentrales Qualitätsmerkmal moderner Krankenhäuser. Die vorliegenden Empfehlungen zeigen klar, wo die größten Risiken liegen – und wie man sie reduzieren kann. Entscheidend ist die Zusammenarbeit der Stakeholder und Professionisten, die mit klaren Standards, digitaler Unterstützung und einer starken Einbindung der Patient:innen die Versorgung deutlich sicherer gestalten können.
Autorinnen:
Mag. pharm. Claudia Wunder, MBA, aHPh
Apothekenleitung,
Universitätsklinikum St. Pölten-Lilienfeld
Doris Haselmann, MA
Leitung Department Beschwerdemanagement, Patientensicherheit,
NÖ Landesgesundheitsagentur
Quellen und Links:
Thürmann, P., 2014 Arzneimitteltherapiesicherheit im Krankenhaus, Stuttgart: In Klauber j et al. (Hrsg.) Krankenhaus-Report 2014. Patientensicherheit.
De Bienassis, K., Esmail, L., Lopert, R. & Klazinga, N., 2022. The economics of medication safety: Improving medication safety through collective, real-time learning, OECD Health Working Papers No. 147. Paris, OECD Publishing.
WHO, 2024. Global burden of preventable medication-related harm in healthcare: a systematic review. Geneva:World Health Organization; 2023. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO. [Online] Available at: www.who.int/publications/i/item/9789240088887 [Zugriff am 14.04.2026]
- Die Austrian Society for Quality & Safety in Healthcare (ASQS) hat in einem multidisziplinären Team unter der Leitung von Mag. pharm. Martina Jeske MSc, aHPh Empfehlungen zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit für Akutversorgungseinrichtungen und stationäre Langzeitpflege erarbeitet.
Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag erscheint in Kooperation mit der NÖ LGA (Entgeltliche Einschaltung)
