Impfen in Apotheken könne die Impfraten deutlich erhöhen, ist Ulrike Mursch-Edlmayr überzeugt. Die Präsidentin der Apothekerkammer erinnert im Interview, dass Versorgungssicherheit bei Medikamenten ihren Preis hat.
Wie gut sind Apotheken und Großhandel heuer auf die Erkältungssaison vorbereitet?
Ulrike Mursch-Edlmayr: Gut – sehr gut, muss ich sagen. Es ist heuer noch vergleichsweise ruhig. Wir hatten bereits eine erste Welle, dabei blieb die Versorgungslage stabil. Das hat mehrere Gründe: Der Markt hat sich insgesamt beruhigt, und die Apotheken haben ihre Warenlager angepasst. Obwohl wir drei- bis viermal täglich vom Großhandel beliefert werden – in Städten auch öfter –, haben viele Apotheken auf eigene Kosten deutlich mehr Arzneimittel bevorratet, teils mit verdoppelter Lagerkapazität. Gleichzeitig gibt es in den Teams spezialisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich ausschließlich um Lieferengpässe und Beschaffung kümmern. Diese Routine macht uns flexibel – kurzfristige Engpässe können wir meist ausgleichen.

Grenzverteidigung.
Ulrike Mursch-Edlmayr hadert im Interview mit dem Beharrungsvermögen der Ärztekammern. Impfen in Apotheken würde die Präventionsraten deutlich erhöhen, ist sie überzeugt.
Es gibt „Lieferengpass-Manager“?
Ja. Früher gab es nur vereinzelt Lieferprobleme, die hat man erledigt, wenn sie aufgetaucht sind. Heute gehört dies zum beruflichen Alltag einer Apotheke. Wir haben spezialisierte Kräfte, die wissen, wen sie anrufen und wo es immer wieder Restbestände gibt. Auch die Lagerhaltung ist eine andere: Das größere Lager bedeutet nicht „mehr Bedarf“, sondern mehr Unabhängigkeit vom Tagesmarkt.
Woher kommen die Engpässe grundsätzlich?
Das ist ein multifaktorielles Geschehen. Es gibt weniger Rohstoffhersteller – teilweise nur mehr einen Anbieter weltweit –, häufig in Asien. Auch in der Arzneimittelproduktion hat eine starke Monopolisierung stattgefunden. Produziert wird global, in langfristiger Planung. Selbst wenn in Österreich ein großer Antibiotikaproduzent sitzt, beliefert der den Weltmarkt: 98 Prozent der Produktion gehen in den Weltmarkt, zwei Prozent bleiben im Land. Dazu kommen Preis- und Verteilungsfragen in Europa.
Österreich ist ein Niedrigpreisland für Medikamente. Spielt das eine Rolle für die Versorgung?
Natürlich. Der Medikamenteneinkauf in Österreich kennt keine Inflationsanpassung, und verfügt insgesamt über ein niedriges Preisniveau. Das ist gut für die Kostenseite des Gesundheitssystems. Aber es hat seine Nachteile für die Versorgungssicherheit. Dazu kommt die Tatsache, dass die niedrigen Einstandskosten in Österreich den Parallelhandel befeuern: Spezialisierte Großhändler kaufen in günstigeren Ländern und exportieren in Märkte, wo für das gleiche Produkt mehr bezahlt wird – völlig legal im Binnenmarkt. Das war ursprünglich als Ausgleich gedacht, wird heute aber teilweise als Geschäftsmodell betrieben. Ergebnis: Vom ohnehin knappen Kontingent geht noch etwas weg. Ein zentrales Problem der heimischen Preissituation ist aber die Tatsache, dass Medikamente vom Markt verschwinden.
Was meinen Sie damit?
Es verschwinden alte, bewährte Produkte ohne echte Alternative. Hersteller und Großhändler nehmen sie in einem Land vom Markt, weil sich der Vertrieb nicht mehr rechnet. Die Auswahl wird geringer. Gleichzeitig wächst der Anteil hochpreisiger Therapien, die Budgets schlucken, während die breite Grundversorgung unter Druck kommt.
Wie ist die Lage bei Impfstoffen – Grippe, Covid, Zoster?
Die Impfstoffe im staatlichen Impfprogramm werden zentral über die BBG beschafft. Strategisch ist das ein Schritt nach vorn, aber die konkrete Verteilung ist problematisch: Impfstellen bevorraten sich „auf Verdacht“, weil die Kontingente begrenzt sind. Das führt dazu, dass manche rasch viel bekommen und andere leer ausgehen – am Ende ist es für Patientinnen und Patienten unfair. Bedarfsgerechte Distribution funktioniert am besten über die bestehende Großhandels- und Apothekenlogistik, mit kontinuierlichem Nachschub dort, wo die Welle gerade ist.
Was schlagen Sie vor, um Prävention und Verteilung zu verbessern?
Ein individuelles Präventionskonto über die E-Card: Wie beim E-Rezept könnten Impfungen oder andere präventive Leistungen zielgruppengenau hinterlegt werden – etwa alters- oder risikobasiert. Das Budget wäre transparent, die Zuteilung fair, der Zugang niederschwellig in Ordinationen und Apotheken möglich. Die Infrastruktur existiert, rechtlich geht das innerhalb des Systems. Es braucht den Willen, es umzusetzen.
Rückblick Pandemie: Wie lief die Beschaffung und Verteilung der Covid-Impfstoffe aus Sicht der Apotheken?
Für die damaligen Bedingungen: sachorientiert, effizient. Es gab wöchentliche Runden mit der Bundesregierung und allen relevanten Bereichen der kritischen Infrastruktur. Wir wussten nicht, wann und wie viel Impfstoff kommt. Wir haben dann auf Aufforderung der die Politik Apotheken als potenzielle Impfstelle eingerichtet. Heute sind rund 2.500 Personen erfolgreich geschult. Die Kühlkette und Verteilung über Großhandel und Apotheken haben zuverlässig funktioniert, Ordinationen und Impfstellen wurden bedarfsgerecht versorgt. Apotheken haben als Teil der kritischen Infrastruktur immer offengehalten und versorgt.

Ulrike Mursch-Edlmayr führt seit 1999 die „Gesundheitsgreißlerei“, wie sie ihre Apotheke im oberösterreichischen Neuzeug benannt hat. Mursch-Edlmayr ist seit 2017 Präsidentin der Österreichischen Apothekerkammer.
Was muss sich ändern, damit die Versorgungssicherheit steigt?
Drei Ebenen. Erstens Preise und Verträge: Ohne realistische Preise verliert ein Standort Produkte und Versorgungssicherheit. Wir müssen zumindest auf Augenhöhe mit vergleichbaren Märkten kommen – sonst zieht sich die Industrie zurück. Zweitens Lagerhaltung: Nationale Sicherheitsbestände bei Herstellern, Großhandel und Apotheken helfen, kurzfristige Engpässe zu überbrücken. Drittens europäische Resilienz: Wir werden nicht „alles nach Österreich“ holen, aber Rohstoff- und Produktionskapazitäten in Europa absichern – sonst sind wir in Krisen abhängig, Grenzen schließen sich, wenn es eng wird. Solidarität endet. Genau so haben wir es erlebt.
Macht Reshoring Sinn, wie die Rückholaktion der Pharmaproduktion nach Europa genannt wird?
Teilweise. Vollständige Rückverlagerung ist illusorisch, aber kritische Teile der Wertschöpfung – Wirkstoffe, ausgewählte Fertigungsschritte – lassen sich europäisch konsolidieren. Das braucht Rahmenbedingungen: planbare Preise, verlässliche Regulierung, Anschubförderungen und eine klare Priorisierung kritischer Arzneimittel. Und wir müssen verstehen: Das wird die Pharmapreise anheben – zugunsten höherer Versorgungssicherheit.
Wie bewerten Sie die Idee verpflichtender Sicherheitslager bei Herstellern/Importeuren?
Sinnvoll – mit Maß. Kurzfristig kann das vorübergehend „verknappen“, bis die Mengen neu geplant sind. Mittelfristig erhöht es aber die Pufferfähigkeit. Apotheken haben ihre Lager bereits deutlich erhöht; von Herstellern und Großhandel erwarte ich Gleiches, damit wir gemeinsam Peaks überbrücken.
Impfen in Apotheken – warum drängen Sie darauf?
Nicht wegen des Honorars. Impfen ist kein Geschäftsmodell. Es geht um Versorgung: Österreich hat grottenschlechte Durchimpfungsraten. Überall dort, wo in Apotheken zusätzlich geimpft wird, steigen die Quoten – ohne die ärztlichen Leistungen zu verdrängen, im Gegenteil: In Summe wird auch bei den Ärzten mehr geimpft. Apotheken sind niederschwellig, lange geöffnet, wohnortnah. Genau das braucht Prävention.
Und warum hakt es? Liegt es am Verhältnis zur Ärztekammer?
Vor Ort arbeiten Apothekerinnen und Apotheker mit Ärztinnen und Ärzten hervorragend zusammen, besonders auch mit Fachgesellschaften – von Fortbildung bis Magistralrezepturen. Strategisch gibt es aber oft eine permanente Grenzverteidigung seitens einiger Funktionäre der Ärztekammer, leider ohne Lösungsangebot.
Grenzverteidigung?
Es werden von der Kammer Vorrechte für niedrigschwellige Tätigkeiten verteidigt, die fachlich auch von anderen Gesundheitsberufen erbracht werden könnten. Und dies, obwohl die Kapazitäten der Ärzteschaft ohnehin vollkommen ausgeschöpft sind. Impfen ist nur eines der Beispiele. In der Pflege gibt es viele andere.
Abschlussfrage: Was braucht es, um Österreich nachhaltig und sicher mit Medikamenten zu versorgen?
Realistische, planbare Preise und Verträge; europäische Reshoring-Schwerpunkte bei Wirkstoffen und kritischen Fertigungen; verpflichtende, abgestimmte Sicherheitslager entlang der Kette; bedarfsgerechte Distribution über Großhandel und Apotheken statt „Vorräte auf Verdacht“ anzulegen. Und wir brauchen ein individuelles Präventionskonto via E-Card; damit Impfen in Apotheken zur Erhöhung der Durchimpfung wirklich beitragren kann. Wir müssen die vorhandene digitale Infrastruktur zur Steuerung und Transparenz des Gesundheitssystems nutzen und in zweiter Linie ausbauen. Wir brauchen keine großen neuen Gesetze – wir müssen das Vorhandene konsequent umsetzen.

