Cyberangriffe: Es kann jeden treffen

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Autor: Michael Krassnitzer

Hacker nehmen immer öfter Gesundheitseinrichtungen aufs Korn. Die Angreifer setzen KI-basierte Programme für ihre Attacken ein. Sie zielen auf die größte Schwachstelle im IT-System: jene hinter dem Schirm.

70 Operationen abgesagt, sieben schwerkranke Patienten in andere Krankenhäuser verlegt, Ärzte und Krankenschwestern konnten nicht auf Patientenakten zugreifen: Anfang dieses Jahres musste das AZ Monica Hospital in Antwerpen (Belgien) infolge eines Cyberangriffs sein gesamtes Computersystem herunterfahren. Es dauerte Wochen, bis sich der Betrieb wieder normalisiert hatte. Die Angreifer hatten eine Schwachstelle in der Software für die Patientenregistrierung ausgenutzt. Mehrere Quellen behaupteten, es habe sich um einen Angriff mittels Ransomware gehandelt, also mittels eines Schadprogramms, das alle im Krankenhausinformationssystem gespeicherten Daten verschlüsselt und erst wieder freigibt, nachdem der Angreifer eine Lösegeldzahlung bekommen hat. Ob das tatsächlich so war, gab das Krankenhaus nicht bekannt. Auch andere Details machte die Krankenhausleitung nicht publik.

Shutdown.
Ein Cyberangriff zwang Anfang Jänner das belgische Krankenhaus AZ Monica, alle Server abzuschalten, geplante Eingriffe abzusagen und kritisch kranke Patienten zu verlegen.

Die Meldepflicht kommt

Viele Unternehmen gehen intransparent mit Cyberattacken um oder versuchen gar, diese zu verschweigen. Zu den Gründen dafür zählt unter anderem die Angst vor einem Reputationsverlust. „Wir sollten aufhören, Unternehmen, die Opfer einer Cyber­attacke waren, an den Pranger zu stellen –, denn es kann jeden treffen“, erklärt Robert Lamprecht, Partner bei KPMG im Bereich Technology Consulting und Spezialist für Cybersecurity und Krisenmanagement. KPMG Österreich veröffentlicht jährlich – gemeinsam mit dem Sicherheitsforum Digitale Wirtschaft des Kompetenzzentrums Sicheres Österreich (KSÖ) – die Studie „Cyber­security in Österreich“. Demnach haben im Jahr 2025 immerhin ein Viertel der von einem Cyberangriff betroffenen Unternehmen die Angriffe nicht gemeldet.

Diese Praxis jedoch wird bald der Vergangenheit angehören. Das Netz- und Informationssystemsicherheitsgesetz 2026 (NISG 2026), das ab 1. Oktober dieses Jahres für alle Unternehmen verpflichtend wird, beinhaltet eine strenge Meldepflicht: Betroffene Unternehmen müssen einen erheblichen Sicherheitsvorfall innerhalb von 24 Stunden (Frühwarnung) bzw. innerhalb von 72 Stunden (ausführliche Meldung) an die zuständigen Behörden melden. Geschäftsführer und Vorstände können persönlich haftbar gemacht werden, wenn sie Cybersicherheitsmaßnahmen –, zu denen auch das Incident Reporting gehört –, vernachlässigen. Für Lamprecht ist die Transparenz nach Sicherheitsvorfällen ein wesentlicher Punkt: „Je mehr Informationen andere bekommen, desto mehr können sie daraus lernen und sich gegen mögliche Folgeangriffe vorbereiten.“

Als Autor der Studie „Cybersecurity in Österreich“ kennt er die „Top Five“ der Cyberkriminalität in Österreich. Platz eins teilen sich ex aequo Phishing und Spear-Phishing. Phishing ist das massenhafte Versenden von E-Mails, mit denen Empfänger dazu gebracht werden sollen, sensible Informationen preiszugeben (z. B. Passwörter), schädliche Links anzuklicken oder verseuchte Anhänge zu öffnen. Spear-Phishing ist eine hochgradig gezielte und personalisierte Form des Phishings, sozusagen mit der Harpune statt mit dem Treibnetz: Der Empfänger wird konkret angesprochen, die E-Mail bezieht sich auf einen aktuellen Kontext, der Absender wirkt vertrauenswürdig. Auf Platz drei liegen Scam-Anrufe. Dabei versuchen Kriminelle durch Täuschung oder Druck an sensible Daten oder an Geld zu kommen. Immer öfters geht es den Anrufern darum, die Stimme des Opfers aufzuzeichnen, um daraus ein Voice Deepfake zu machen. Platz vier ist der sogenannte CEO-Fraud. Dabei täuschen Kriminelle per E-Mail, aber auch telefonisch mittels Voice Deepfake, die Identität eines ranghohen Entscheidungsträgers vor und versuchen Mitarbeiter zu einer großen Geldüberweisung oder zur Herausgabe sensibler Daten zu bewegen. Platz Nummer fünf schließlich geht an Denial-of-Service-Attacken, also Cyberangriffe, bei denen das Ziel verfolgt wird, einen Dienst, eine Website oder ein ganzes Netzwerk lahmzulegen, sodass berechtigte Nutzer nicht mehr darauf zugreifen können.

Täter-Opfer-Umkehr.
2025 haben ein Viertel der von einem Cyberangriff betroffenen Unternehmen die Hacks nicht gemeldet. Robert Lamprecht, IT-Experte und Partner bei KPMG, wünscht sich weniger Häme und mehr Offenheit. Jeder könne Opfer der KI-Angriffe werden.

KI – Risiko und Chance

Eine immer größere Rolle auf dem Gebiet der Cybersecurity spielt Künstliche Intelligenz (KI). Auf Seiten der Angreifer hat KI zu einer Beschleunigung und Perfektionierung geführt. So werden Phishing-Mails qualitativ immer besser und wirken immer echter. Die seltsamen Formulierungen, die Tippfehler, die sinnlosen Sonderzeichen: All diese Erkennungsmerkmale sind viel seltener zu finden als noch vor zwei Jahren. Vollständig automatisierte Angriffe mittels KI gibt es allerdings noch nicht, wie Lamprecht einräumt: „Aber in ein paar Monaten könnte dies bereits vorkommen.“

Auch die Verteidiger nutzen KI, etwa zur Bedrohungserkennung, zur automatisierten Reaktion auf Bedrohungen oder zur Analyse von E-Mails. Allerdings birgt der Einsatz von KI auch neue Angriffsflächen. Vielen Nutzern ist nicht bewusst, dass Dateien, die sie in ein frei zugängliches KI-Modell hochladen, in dessen Weltwissen eingehen und mithilfe von geschickten Prompts extrahiert werden können. Wenn sich zum Beispiel ein Mitarbeiter einen internen Bericht von einem solchen KI-Modell zusammenfassen lässt oder daraus eine Powerpoint-Präsentation erstellen lässt, dann speist er diesen Bericht in das Modell ein. Ein versierter Nutzer kann dann mit den richtigen Fragen Inhalte des Berichtes herausfinden. „Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Nutzung von KI-Sprachmodellen ermöglichen wollen, müssen sie unternehmenseigene KI-Modelle etablieren“, bekräftigt Lamprecht.

Der Experte hat auch einige Ratschläge, worauf (Gesundheits-)Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten ihr Hauptaugenmerk in Zusammenhang mit Cybersecurity richten sollen. An erster Stelle stehen Investitionen in Backup und Recovery, also Maßnahmen, um den aktuellen Stand von Dateien, Datenbanken oder ganzen Systemen zu konservieren, damit sie bei einem Verlust nicht unwiederbringlich verloren sind, sowie deren Wiederherstellung. An zweiter Stelle steht die Einführung von Multifaktor-Authentifizierung, an dritter Stelle die Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung der Mitarbeiter. „Es heißt oft, der Mensch sei das schwächste Glied der Kette. Das halte ich für falsch. Bei geschärfter Skepsis verfügt der Mensch über das beste Sensorium, um potenzielle Angriffe zu erkennen“, ist Lamprecht überzeugt. Dann kommt das sogenannte Business Continuity Management, also ein Maßnahmenpaket, das für den Fall eines erfolgreichen Cyberangriffes die Aufrechterhaltung des Betriebes ermöglicht. Die fünfte wichtige Empfehlung: Third-Party Risk Management, also die Identifikation und Kontrolle von Risiken, die durch die Zusammenarbeit mit externen Partnern entstehen. 2025 lag bei jedem dritten folgenreichen Cyberangriff auf Unternehmen die Ursache an Schwachstellen bei Lieferanten oder Dienstleistern.

IT-Sicherheit im Gesundheitswesen betrifft nicht nur die Gesundheitsdienstleister selbst – von der Universitätsklinik bis zur Einzelordination –, sondern auch die Infrastruktur, über die Gesundheitsdaten ausgetauscht werden. Eine solche Struktur ist die Elektronische Gesundheitsakte ELGA, die einen sicheren Zugang zu den in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Ordinationen und Apotheken gespeicherten Patientendaten ermöglicht. Die IT-Sicherheit von ELGA beruht auf einer Kombination von Verschlüsselung, Dezentralität und strenger Überwachung. So erfolgen alle Datenübertragungen ausschließlich über hochgradig verschlüsselte Verbindungen, die vom öffentlichen Internet weitgehend isoliert sind.

Doch es gibt auch andere Austauschsysteme von Gesundheitsdaten, vor allem für die medizinische Forschung. Denn die ELGA-Daten dürfen bis heute laut Gesetz nicht für Forschungszwecke verwendet werden. Gesundheitsdaten werden aber auch an Biobanken oder Register (z. B. Krebsregister oder Implantatregister) übermittelt. Wie diese Infrastrukturen gegen mögliche Angriffe geschützt werden, weiß Dieter Hayn, Forscher im Bereich Digital Health Information Systems am AIT Austrian Institute of Technology. Er ist Spezialist für das Nutzbarmachen von Daten für die Forschung und die dafür benötigte Infrastruktur.

Eine Methode, um den Datenaustausch z. B. zwischen Forschungseinrichtungen möglichst sicher zu machen, ist die Mehrparteienberechnung (Secure Multi-Party Computation). Dadurch wird es mehreren Parteien ermöglicht, gemeinsam ein Ergebnis auf der Grundlage ihrer eigenen Daten zu berechnen, ohne dass eine Partei die Daten der anderen Parteien sehen kann. Auch sogenannte homomorphe Verschlüsselung kommt zum Einsatz: Damit können Berechnungen mit verschlüsselten Daten durchgeführt werden. Das Ergebnis dieser Operationen liegt ebenfalls in verschlüsselter Form vor und entspricht exakt dem Resultat, das man erhalten hätte, wenn man die Berechnung mit unverschlüsselten Daten durchgeführt hätte. Ein ganz junger Ansatz ist das Federated Learning, bei dem ein KI-Modell so trainiert werden kann, dass die zugrundeliegenden Daten ihren Speicherort nicht verlassen müssen. „Aus Gesundheitsdaten KI-Modelle zu entwickeln, hat ein Riesenpotenzial“, weiß Hayn.

Überschießende Regelungen

Um all diese Fragen geht es auch beim Europäischen Gesundheitsdatenraum (European Health Data Space, EHDS). Dieses Gesetzgebungsprojekt der Europäischen Union zielt darauf ab, die Gesundheitsdaten innerhalb der EU sicher zu vernetzen und den Datenaustausch über Grenzen hinweg zu vereinheitlichen. Dabei soll nicht nur eine Art europäische ELGA geschaffen werden, sondern es sollen auch Gesundheitsdaten in anonymisierter oder pseudonymisierter Form möglichst sicher für die Forschung, die KI-Entwicklung und die öffentliche Gesundheitsplanung europaweit zugänglich gemacht werden.

Auf EU-Ebene habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu weit gegangen sei, meint Hayn. Übertriebene Befürchtungen in Sachen Datenschutz und -sicherheit hätten zu einer überschießenden Auslegung der teils sehr unpräzisen Regelungen geführt, wodurch etwa die medizinische Forschung stark eingeschränkt worden sei. Dabei scheinen sich bislang die Versuche, Forschungsdaten zu klauen oder in erpresserischer Absicht zu verschlüsseln, eher in Grenzen gehalten zu haben. „Mir sind keine derartigen Versuche bekannt“, sagt der IT-Experte. Nun hat sich der Wind gedreht: Die EU-Mitgliedstaaten werden sogar verpflichtet, pseudonymisierte oder anonymisierte Gesundheitsdaten für Forschungszwecke zugänglich zu machen. „Die Auswirkungen des EHDS werden – zumindest im Gesundheitswesen – massiver sein als jene der DSGVO“, ist Hayn überzeugt. 

Die digitale Verwundbarkeit der Welt wächst

Die „Global Risks Report 2026“-Studie des World Economic Forum (WEF) vom Jänner 2026 zeichnet ein pessimistisches Bild der weltweiten Sicherheitslage. Besonders stark rücken technologische Risiken in den Mittelpunkt – darunter Cyberangriffe, Desinformation, KI-Risiken und Attacken auf kritische Infrastruktur. Für die Studie wurden mehr als 1.300 Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und internationalen Organisationen befragt. Das Ergebnis: Die Welt bewege sich in ein „Zeitalter des Wettbewerbs“, in dem geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Spannungen und technologische Entwicklungen einander gegenseitig verstärken. Digitale Systeme werden dabei zunehmend Teil globaler Machtpolitik.

Fake-News als globale Bedrohung

Alarmierend ist die Einschätzung der IT-Bedrohungen. „Misinformation and disinformation“ zählt laut Bericht bereits kurzfristig zu den größten globalen Risiken und liegt im Zwei-Jahres-Horizont weltweit auf Platz zwei der schwerwiegendsten Gefahren. Cyberunsicherheit rangiert auf Platz sechs. Gleichzeitig erwarten die Autoren, dass negative Folgen künstlicher Intelligenz in den kommenden zehn Jahren massiv an Bedeutung gewinnen werden. Das WEF beschreibt eine Entwicklung, in der Staaten und andere Akteure digitale Technologien zunehmend als geopolitische Waffen einsetzen. Cyberattacken, digitale Einflussnahme, wirtschaftliche Sanktionen und die Kontrolle strategischer Technologien werden laut Bericht zu zentralen Instrumenten internationaler Machtpolitik. Besonders gefährdet seien kritische Infrastrukturen wie Stromversorgung, Kommunikationsnetze, Lieferketten – und Gesundheitseinrichtungen.
Gerade Krankenhäuser gelten dabei als besonders verwundbar. Die fortschreitende Digitalisierung macht Kliniken effizienter, erhöht aber gleichzeitig ihre Angriffsfläche. Elektronische Patientenakten, digitale Bildgebung, vernetzte Medizintechnik, OP-Robotik und KI-gestützte Diagnostik erzeugen hochkomplexe IT-Landschaften, deren Ausfall unmittelbare Auswirkungen auf die Patientenversorgung haben kann. Das WEF warnt ausdrücklich vor Angriffen auf kritische Infrastruktur und vor der zunehmenden Professionalisierung von Cyberattacken.

Das Verbrechen lauert immer und überall

Besonders problematisch ist laut Bericht die Verbindung aus KI und Cybercrime. Künstliche Intelligenz könnte künftig nicht nur Desinformation automatisiert verbreiten, sondern auch Cyberangriffe beschleunigen, Phishing-Kampagnen professionalisieren und Sicherheitslücken schneller identifizieren. Gleichzeitig entstehen durch Quantencomputer neue Risiken für bestehende Verschlüsselungssysteme. Der Bericht spricht in diesem Zusammenhang von „Quantum Leaps“, die Sicherheitsarchitekturen grundlegend verändern könnten.

Für Gesundheitseinrichtungen entsteht dadurch ein doppeltes Risiko: Einerseits wächst die Abhängigkeit von digitalen Systemen, andererseits steigen Geschwindigkeit und Komplexität möglicher Angriffe. Kliniken geraten damit zunehmend in eine Rolle, die bisher eher Energieversorgern oder Banken zugeschrieben wurde – als kritische Infrastruktur mit unmittelbarer gesellschaftlicher Bedeutung.

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