Leere Länderkassen stoppen in etlichen Bundesländern die Rekrutierung von internationalen Pflegekräften. Für die Vermittlungsagenturen wird es 2026 eng. Für die Pflegedienste auch.
Die öffentliche Wahrnehmung lässt an Goldene Zeiten glauben, wenn es um das Vermittlungsgeschäft mit internationalen Pflegekräften geht. Je nach Vorleistung der Agentur werden zwischen 5000 und 20.000 Euro pro erfolgreich vermittelter Fachkraft bezahlt. Aber es scheint, dass das Diktat der leeren Staatskassen jetzt auch die heimischen Spitäler und Pflegeheime erfasst. Frederic Metlewicz ist Geschäftsführer von Talent & Care, einem Unternehmen der Humanocare-Gruppe. Er arbeitet mit fast allen heimischen Klinikverbünden und zahlreichen karitativen und privaten Pflegeinstitutionen zusammen. Metlewicz ist so etwas wie der Klassensprecher eines Jahrgangs, auf dessen Hinterbänken es wüst zugeht. Die Geschäfte der vergangenen vier Jahre entwickelten sich in seiner Branche prächtig. Auch für Talent & Care. 2025 wird die Agentur 300 Pflegekräfte aus Kolumbien nach Österreich vermittelt haben. „Kommendes Jahr werden es deutlich weniger sein“, befürchtet der Talent-&-Care-Chef. Im Sommer des Jahres war es, „wie wenn ein Schalter umgelegt worden wäre“. Laufende Aufträge wurden bis 2026 geschoben, Vorbereitungen für Ausschreibungen eingestellt. „Das internationale Recruitment wird in vielen Häusern aus Budgetgründen ausgesetzt“, so Frederic Metlewicz. Die Bundesländer würden sparen. Gleichzeitig höre er von Trägern, dass ganze Stationen leer stehen, „weil das Personal fehlt“.

Zeiten ändern sich. Oberösterreichs Gesundheitslandesrätin Christine Haberlander und OÖG-Chef Franz Harnoncourt inmitten der vierzehn
Pflegekräfte aus den Philippinen und aus Tunesien. Entgegen den ursprünglichen Plänen werden die Rekrutierungsprogramme nicht fortgeführt.
Länderübersicht
Die Klinikbetreiber drucksen bei dem Thema herum. Die Oberösterreichische Gesundheitsholding betont, derzeit über „den historisch höchsten Gesamtpersonalstand“ zu verfügen. Daher seien die Programme zur internationalen Rekrutierung nicht mehr in gleichem Ausmaß nötig: „Der Bedarf ist nicht in allen Bereichen gleich, daher nehmen wir aktuell weniger Mitarbeiter:innen aus Drittstaaten auf“, heißt es auf Anfrage der ÖKZ. Gleichzeitig versichert sie, dass bestehende Verträge selbstverständlich erfüllt werden: „Von einem generellen Stopp kann keine Rede sein.“ Recruiting – national wie international – erfolge weiterhin, allerdings abgestimmt auf konkrete Bedarfsprognosen. Der Subtext: Internationale Projekte haben derzeit keine Priorität. Ende März des Vorjahres hieß es noch anders. In einer OÖG-Presseaussendung wurden vierzehn Pflegekräfte aus den Philippinen und aus Tunesien willkommen geheißen, weitere 50 angekündigt. Die Gesundheitsreferentin Christine Haberlander betonte: „Wir setzen ganz klar auf die Drittstaatenrekrutierung. Es freut mich daher sehr, dass nun die ersten internationalen Pflegefachkräfte in den OÖG-Kliniken tätig sind.“ Und OÖG-Chef Franz Harnoncourt ließ zu dem Feieranlass keinen Zweifel: „Wir werden dieses Recruiting von internationalen Fachkräften weiterverfolgen.“ Times they are changin‘.
Auch die Steiermark musste umdisponieren. Christina Grünauer-Leisenberger, Personalchefin der KAGes, verweist auf eine positive Zwischenbilanz bei den Drittstaaten-Rekrutierungen. Zwischen Dezember 2022 und September 2025 seien 109 internationale Pflegekräfte in der Steiermark eingetroffen. Derzeit seien aber keine weiteren internationalen Rekrutierungen geplant. Zum einen verzeichne die KAGes eine vergleichsweise gute inländische Bewerberlage. Außerdem sei „die budgetäre Lage zu berücksichtigen“, formuliert die HR-Chefin vorsichtig. Bereits laufende Kontrakte würden erfüllt, Sprachprogramme und Weiterbildungskurse in Zusammenarbeit mit dem Joanneum weitergeführt. Während der Nostrifikation würden die diplomierten Kräfte vorübergehend als Pflegefachassistenten eingesetzt. Aber aktuell gebe es keine weiteren Anstrengungen in diese Richtung.
Auch in der Steiermark wurde vor einem Jahr noch ein anderes Lied gesungen. In einer Presseaussendung vom September 2024 hieß es: „Das internationale Recruiting wird auch in den kommenden Jahren ein zentraler Bestandteil der KAGes-Strategie bleiben. Für 2025 und 2026 sind Erweiterungen geplant, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden.“ Das internationale Recruiting sei nicht nur eine Antwort auf den Fachkräftemangel, sondern auch eine Bereicherung für die steirischen Krankenhäuser.
In Salzburg weist man Spekulationen über einen generellen Aufnahmestopp im Pflegebereich zurück. Bernhard Fürweger, bisheriger Kommunikationschef der SALK und nunmehr FPÖ-Soziallandesrat von Salzburg, betont: „Bis dato haben wir am Uniklinikum 70 internationale Pflegekräfte rekrutiert.“ Einstellungen von einheimischen Pflegenden und die internationalen Programme würden an der Uniklinik weiterlaufen. Anders sei die Personalsituation in den Landeskliniken Hallein, St. Veit und Tamsweg. Dort sei man „mit Pflege relativ gut aufgestellt“. Offene Stellen oder künftige Abgänge könne man über den heimischen Markt besetzen.
Ganz anders die Lage in Wien. Der Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV) teilt mit, dass internationale Programme unverändert weiterlaufen. Angesichts der langfristigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt wolle man gerade jetzt nicht auf internationale Kooperationen verzichten. Sprachkurse und Ausbildungsprogramme würden fortgeführt, da man wisse, dass der Bedarf auf Jahre hinaus bestehen werde. Wien setzt damit ein Signal der Kontinuität und hebt sich klar von den Entwicklungen in Salzburg, Oberösterreich und der Steiermark ab.

Andere Sorgen. Die Vorsitzende des ÖGKV, Elisabeth Potzmann, hat von den sistierten Rekrutierungsprogrammen noch nichts gehört.
Gewerkschaft warnt vor Qualitätsverlust
Die Gewerkschaft für Gesundheits- und Sozialberufe sieht die Lage aus einer anderen Perspektive. Vorsitzende Elisabeth Potzmann bemerkt keinen generellen Stillstand bei den Einstellungen. Sie warnt aber vor einem anderen Trend: „Wir beobachten, dass diplomierte Pflegekräfte zunehmend durch billigere Pflegeassistenzkräfte ersetzt werden.“ Das sei weniger ein unmittelbares Sparprogramm, sondern vielmehr ein Resultat des Drucks auf die Häuser. Potzmann betont: Internationale Rekrutierung sei „höchstens ein kleiner Baustein“. „Das ist in gewisser Weise Aktionismus. Wirklich wirksam wären Investitionen in Ausbildung, ein besseres Image des Berufs und konsequentes Recruiting im Inland.“
Sie äußert zudem die Sorge, dass die Kompetenzerweiterungen für Assistenzkräfte wie ein schleichender Prozess abliefen. „Das Infusionsmanagement ist nur ein Beispiel. Wenn solche Tätigkeiten, die bisher diplomierten Pflegekräften vorbehalten waren, Schritt für Schritt an Assistenzkräfte übertragen werden, dann wird langfristig das Qualifikationsniveau abgesenkt.“ Dies seien Veränderungen, die „den Beruf des diplomierten Personals massiv entwerten würden“.
Talent-&-Care-Geschäftsführer Metlewicz sieht sich vor schwierigen Zeiten. Ein erfolgreiches Recruitment benötige in der Regel 18 Monate – von der Auswahl über Sprachkurse bis zur Nostrifikation. „Wenn Verträge nicht eingehalten werden, dann gehen die Aspiranten nach Deutschland. Dort gibt es offene Türen, während wir unsere Projekte aufschieben.“ Für Österreich sei das ein herber Verlust, weil neue Rekrutierungen wiederum eineinhalb bis zwei Jahre dauern würden. „2026 wird für unsere Branche ein schwieriges Jahr“, prognostiziert der Talent-&-Care-Chef.
