Europa will mit der EU-Life-Sciences-Strategie bis 2030 weltweit die Nummer ein in der Biotechnologie werden. Österreich muss die Pläne für sich nutzen. Dazu braucht es eine nationale Strategie.
Idealerweise hätte sie schon längst vorliegen sollen. Aber ich gehe davon aus, dass wir bis zum Herbst deutliche Fortschritte sehen werden.“ Sie – damit meint Alexander Herzog, Generalsekretär der Interessenvertretung der österreichischen Pharmaindustrie Pharmig, die neue nationale Life-Sciences-Strategie. Was ihn einigermaßen zuversichtlich stimmt: „Es gibt wachsendes Interesse seitens der Politik. Wir sehen, dass im Hintergrund intensiv an der Strategie gearbeitet wird.“

Wieder auf eigenen Beinen stehen.
Die EU will im Zuge des EU Biotech Act jährlich 10 Mrd. Euro in den Life-Sciences-Bereich einspeisen. Die regulatorische Fragmentierung müsse ein Ende haben. Der Gesetzesvorschlag soll noch heuer dem Parlament vorgelegt werden.
Die Zeit drängt
Die Betriebsamkeit der Politik ist durchaus angebracht. Denn die Zeit drängt. Die EU hat im vergangenen Jahr ihrerseits beschlossen, eine Life-Sciences-Strategie zu entwerfen. Das Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll Europa zum weltweit führenden Zentrum für Innovation in den Bereichen Biotechnologie, Gesundheitswesen, Lebensmittelsysteme und umweltfreundliche Fertigung werden. Die aus Sicht der heimischen Politik wohl wichtigste Frage formuliert ein Pharmamanager: „Wie kann Österreich die EU-Strategie optimal für sich nutzen?“
Dass die heimische Politik sich beeilen muss, darauf eine schlüssige Antwort zu geben –, davon ist auch Ute von Goethem überzeugt. Bislang bestehe nur eine „politische Absichtserklärung“, meint die Präsidentin des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). „Nun muss es darum gehen, dass Entscheidungsträger*innen in die Umsetzung gehen.“
Die EU verfolgt mit der Life-Sciences-Strategie vor allem drei Ziele: Erstens soll die Produktion von Wirkstoffen und Impfstoffen in Europa ausgebaut werden, um die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu reduzieren. Zweitens soll die Forschung gestärkt werden. Hier geht es vor allem um den Transfer von Forschungsergebnissen hin zu marktfähigen Produkten. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Start-ups und Industrie soll ausgebaut werden. Mit eigenen Programmen will die EU neue Therapien, personalisierte Medizin und digitale Gesundheitslösungen vorantreiben. Drittens sollen die Life Sciences dazu beitragen, Klima- und Umweltziele zu erreichen – etwa durch biobasierte Produktionsverfahren oder neue Technologien in der Landwirtschaft.
Zur Umsetzung der Strategie will die EU bis 2030 pro Jahr zehn Milliarden Euro investieren. „Das ist nicht wenig und eine starke Absichtserklärung“, meint Pharmig-Generalsekretär Herzog. Er schränkt aber ein: „Ob das so kommt, bleibt abzuwarten.“
Immerhin – Brüssel treibt sein Vorhaben voran. Im vergangenen Dezember hat die EU-Kommission den Entwurf für den EU Biotech Act vorgelegt. Diese Verordnung ist zentraler Bestandteil der Life-Sciences-Strategie und soll im zweiten Halbjahr 2026 verabschiedet werden. Ihr Ziel: Produkte sollen schneller von der Forschung über die Produktion bis zum Markt gebracht werden.
Denn hier drückt der Schuh. Die EU ist in der Grundlagenforschung im Bereich Biotechnologie gut aufgestellt. Doch daraus entstehen zu selten Produkte oder neue industrielle Verfahren, die tatsächlich auf den Markt kommen. Die EU „schöpft das Potenzial“ nicht voll aus, meint Pharmig-Chef Herzog.
Zu viele Regeln
Diesem Befund stimmt Elisabeth Keil, Geschäftsführerin des Pharmaunternehmens Daiichi Sankyo in Österreich, zu. Sie kritisiert die überbordende Regulierung in der EU – von der Durchführung von klinischen Studien über die Zulassung von Medikamenten bis zur Klärung der Erstattung.
Was für die EU als Ganzes gilt, gilt auch für Österreich: Es gibt ein großes Potenzial in der klinischen Forschung, das zu wenig genutzt wird. „Wir haben starke akademische Einrichtungen, gute Datenqualität und eine zentrale Lage in Europa“, lobt Keil. Dennoch sei man zu langsam und zu fragmentiert. Sie ist überzeugt: „Mit gezielten Maßnahmen könnten wir ein führender Standort für klinische Studien werden.“
Was besagte Maßnahmen betrifft, hat die Daiichi Sankyo-Managerin eine klare Empfehlung: „Wir sollten uns in der Forschung auf einige Bereiche konzentrieren, in denen wir wirklich Spitze sind, anstatt zu versuchen, alles irgendwie abzudecken“, so Keil. „Österreich wird kein globaler Pharma-Hub werden, aber wir könnten ein attraktiver Standort für klinische Forschung und ein Fast-Track-Markt für Innovationen werden.“
Die Voraussetzungen für einen derartigen Fast-Track-Markt aus ihrer Sicht: Ein klarer Fokus auf Schwerpunktthemen – etwa die Bereiche Onkologie, seltene Erkrankungen oder psychische Gesundheit – sowie schnelle Genehmigungsverfahren und klare Erstattungsmodelle. „Österreich könnte Innovationen schneller zu den Patientinnen und Patienten bringen und als Testmarkt dienen“, meint Keil. „Aufgrund seiner Größe und Struktur wäre Österreich dafür ideal geeignet.“
Auch FOPI-Präsidentin Van Goethem sieht die Zukunft Österreichs im Pharma-Bereich vor allem in der Forschung. „Österreich würde immens davon profitieren, sich weiter als Hub für klinische Studien zu stärken“, meint sie. „Denn nur durch Forschung, die Lücken in den Standards of Care schließt, können wir den Bedürfnissen der Patient*innen gerecht werden.“

Keine Gießkannentaktik.
Elisabeth Keil, GF von Daiichi Sankyo, empfiehlt eine Konzentration der Kompetenzen: „Wir sollten uns in der Forschung auf einige Bereiche konzentrieren, in denen wir wirklich Spitze sind.“
Kritik an den Preisen
Damit das gelingt, wäre aus Sicht der Pharmaindustrie unter anderem eine Korrektur der Preispolitik notwendig. Pharmig-Generalsekretär Herzog kritisiert hier vor allem, dass das Erstattungssystem bei Generika keine automatische Anpassung der Preise an die Inflation ermöglicht. Die Folge: „Seit einigen Jahren sind Hersteller immer wieder gezwungen, Produkte vom Markt zu nehmen, weil es sich wirtschaftlich nicht mehr ausgeht.“ Herzog sieht eine „paradoxe“ Situation. „Viele Medikamente werden in Österreich produziert, auch für den Weltmarkt, finden aber keinen Zugang zum heimischen Markt.“ Das liege daran, „dass sie von der Sozialversicherung als zu teuer oder nicht ausreichend wirksam eingeschätzt werden“.
Daiichi Sankyo Österreich-Geschäftsführerin Keil unterstreicht das. Im Krankenhausbereich sei Österreich im Bereich der Erstattung vergleichsweise gut aufgestellt. Ein Medikament könne nach Zulassung durch die europäische Behörde EMA grundsätzlich hierzulande eingesetzt werden. Anders schaue es im niedergelassenen Bereich aus, für den die Sozialversicherung verantwortlich sei: „Preisverhandlungen mit der Sozialversicherung sind oft schwierig und führen zu sehr niedrigen Preisen. Sie sind oft so niedrig, dass sich bestimmte Therapien wirtschaftlich nicht mehr rechnen.“
Pharmig-Chef Herzog stellt immerhin eine „leichte Bewegung“ fest. Preisanträge würden mittlerweile etwas großzügiger behandelt. „Ich würde aber nicht sagen, dass sich hier substanziell etwas geändert hat“, so Herzog. Davon geht er auch in nächster Zukunft nicht aus. „Es geht darum, ob ein System finanziell in der Lage ist, Innovationen zu bezahlen, und ob es bereit ist, das zu tun. Aktuell sehe ich beides nur eingeschränkt gegeben.“
Mehr Bewegung erhoffen sich Expertinnen und Experten in Bezug auf die Strategie Österreichs im Pharma-Bereich. Sie drängen darauf, dass die Weichen für die zukünftige Ausrichtung im Rahmen der nationalen Life-Sciences-Strategie zügig gestellt werden – und zwar spätestens bis Ende des Jahres. So hätte man zumindest zeitgleich mit Inkrafttreten des EU Biotech Acts die Hausaufgaben erledigt.
Pharmig-Generalsekretär Herzog hält drei Schwerpunkte für zentral: „Forschung und Entwicklung in Österreich halten und stärken, die Produktion sichern und gewährleisten, dass die entwickelten und produzierten Medikamente auch tatsächlich bei den Patientinnen und Patienten ankommen.“
Systemen verzahnen
Ein wesentliches Problem besteht aus seiner Sicht in der „fehlenden Verzahnung der Systeme“. „Produktion, Forschung und Marktzugang werden oft getrennt betrachtet.“ Dabei würden diese Bereiche eng zusammenhängen. „Wenn Produkte keinen Zugang zum Markt finden, leidet langfristig auch die Investitionsbereitschaft in Forschung und Produktion.“ Herzog hegt die Hoffnung, dass sich im Zuge der Arbeit an der Life-Sciences-Strategie etwas bewegt: „Sie kann helfen, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen und die Zusammenhänge sichtbar zu machen“, sagt er. „Wenn alle Akteure das Gesamtsystem sehen, steigt auch die Bereitschaft, notwendige Entscheidungen zu treffen.“
Maßnahmen und Finanzierung der EU-Strategie
Die EU-Strategie setzt auf konkrete Eingriffe entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im Bereich Forschung und Innovation ist ein Investitionsplan für klinische Forschung vorgesehen, der insbesondere länderübergreifende Studien erleichtern und Infrastrukturen bündeln soll. Ergänzend wird ein Netzwerk europäischer Exzellenzzentren für neuartige Therapien aufgebaut. Kooperationen zwischen Forschung, Industrie und Versorgung sollen über Partnerschaften, Biocluster und gemeinsame Programme gestärkt werden.
Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf Daten und KI. Geplant sind eine europäische Datensammlung für die Biowissenschaften sowie gezielte Investitionen in KI-Anwendungen, etwa für Wirkstoffentwicklung und personalisierte Medizin. Parallel wird die Genomdateninfrastruktur ausgebaut. Ein KI-gestütztes Tool soll Forschenden und Unternehmen helfen, sich früh im regulatorischen Umfeld zu orientieren.
Regulatorisch will die Kommission Verfahren vereinfachen und beschleunigen. Kernmaßnahmen sind ein EU-Biotech-Rechtsakt sowie Anpassungen bei Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika. Reallabore und flexiblere Regelungsansätze sollen Innovationen schneller in die Anwendung bringen, ohne Sicherheitsstandards zu senken.
Zur Finanzierung setzt die Strategie auf eine Mischung aus bestehenden EU-Programmen und gezielten Einzelmaßnahmen. Insgesamt stehen jährlich über 10 Milliarden Euro aus Programmen wie Horizon Europe, EU4Health oder Digital Europe zur Verfügung. Ergänzend sind konkrete Mittel vorgesehen, etwa 300 Millionen Euro für innovationsfördernde öffentliche Beschaffung, rund 200 Millionen für industrielle Biotechnologie, über 150 Millionen für Bioökonomie, 170 Millionen für Gesundheit und Klimawandel sowie weitere Beträge für KI, Genomdaten und neue Forschungsmethoden.
Flankierend werden Fachkräfteprogramme, internationale Talentförderung und bessere Wissenschaftskommunikation ausgebaut. Eine eigene Koordinierungsgruppe innerhalb der Kommission soll die Umsetzung bündeln und bis 2028 begleiten.
Quellen und Links:
EU Biotech Act:
www.eu-biotech-act.com
Die Pharmig zum EU Biotech Act:
www.pharmig.at/mediathek/pressecorner/eu-gesetzespaket-zur-staerkung-des-biotech-sektors-in-der-eu
Das FOPI zur Life Sciences Strategie:
fopi.at/_v3/wp-content/uploads/2025/09/FOPI-Impulspapier-Life-Science


