Nicole Schlautmann ist Geschäftsführerin des Pharma-Unternehmens Merck Sharp & Dohme (MSD) in Österreich. Sie erklärt, warum die EU-Life-Sciences-Strategie Sinn macht, wie Österreich die EU-Pläne nutzen kann – und wie man von Krisen profitiert.
Frau Schlautmann, was halten Sie von der EU-Life-Sciences-Strategie?
Nicole Schlautmann: Ich halte sehr viel von ihr. Sie ist zentral. Life Science wird oft auf wirtschaftliche Kennzahlen reduziert, aber das greift zu kurz. Natürlich sprechen wir über Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Innovationskraft. Gleichzeitig geht es aber auch darum, Arbeitsfähigkeit zu erhalten und Lebensqualität zu sichern. In vielen Ländern – auch in Österreich – sehen wir einen zunehmenden Mangel an Arbeitskräften. Wenn Menschen krank sind oder früher aus dem Erwerbsleben ausscheiden, hat das enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen. Eine strategische Ausrichtung auf Life Science adressiert also beide Dimensionen: wirtschaftliche Stärke und gesellschaftliche Stabilität.

Institutionalisierte Trägheit.
Die MSD-Chefin fordert ein geeintes Auftreten des EU-Raumes. Gegenüber großen Märkten wie den USA oder China könne Europa nur als Einheit bestehen: „Einzelne nationale Strategien reichen nicht aus.“
Interpretiert man den Brexit und das allgemeine Vorrücken europakritischer Parteien, dann verliert die Idee eines geeinten Europas an Überzeugungskraft. Ihre Analyse?
Gegenüber großen Märkten wie den USA oder China können wir nur bestehen, wenn wir als Einheit auftreten. Einzelne nationale Strategien reichen nicht aus. Und ich bin überzeugt, dass ein klar definierter strategischer Rahmen immer besser ist als ein rein reaktives Vorgehen. Es ist von Vorteil, ein klares Ziel zu haben: Wenn wir wissen, wohin wir wollen, wissen wir auch, was zu tun ist.
Die Life-Sciences-Strategie hat ein Ziel, ist aber von der Umsetzung noch ziemlich weit entfernt. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Wir sind zu langsam. Es wird viel analysiert, viel diskutiert, aber zu wenig umgesetzt. Das klingt vielleicht zugespitzt, aber im Gesundheitsbereich ist Zeit ein kritischer Faktor. Es geht im Ernstfall um Menschenleben. Wenn innovative Medikamente verfügbar sind und ihre Wirksamkeit sowie Sicherheit belegt sind, dann müssen sie schnell zu den Patientinnen und Patienten gelangen. Stattdessen verlieren wir oft Zeit in komplexen, bürokratischen Prozessen. Ich würde mir hier deutlich mehr Tempo wünschen.
Ein Schwenk nach Österreich: Welche Schwerpunkte sollte eine nationale Life-Sciences-Strategie setzen?
Aus meiner Sicht gibt es drei zentrale Handlungsfelder. Der erste Bereich ist Forschung und Innovation: Österreich hat hier eine sehr gute Ausgangsbasis mit hervorragend ausgebildeten Fachkräften und einer starken wissenschaftlichen Infrastruktur. Gleichzeitig sehen wir aber einen Rückgang bei klinischen Studien. Das ist ein Warnsignal. Studien sind nicht nur für Unternehmen relevant, sondern auch für den Standort insgesamt, weil sie Know-how bringen und Patientinnen und Patienten Zugang zu neuen Therapien ermöglichen. Wenn die Rahmenbedingungen zu komplex werden, weichen Unternehmen auf andere Länder aus.
Was müsste sich konkret ändern?
Die Prozesse sind oftmals ineffizient und müssten besser koordiniert werden. Hier würde eine europäische Harmonisierung helfen. Klinische Studien sind in der Regel international angelegt. Wenn jedes Land eigene Anforderungen stellt, entsteht ein erheblicher Mehraufwand. Die Patientensicherheit ist überall gleich wichtig, und die Prozesse sollten einheitlicher sein.
Was ist der zweite Punkt?
Der Marktzugang für Innovationen muss schneller möglich sein. Damit eng verbunden ist das Thema Skalierung: Österreich ist sehr gut darin, Start-ups in der Frühphase zu fördern. Aber sobald Unternehmen wachsen wollen, wird es schwieriger. Es fehlt an ausreichend Venture-Capital und an geeigneten Anreizsystemen. Es gibt zum Beispiel in manchen Ländern die Möglichkeit, ein Investment steuerlich geltend zu machen, wenn es scheitert. In Österreich ist das so nicht vorgesehen. Und das wirkt sich negativ auf die Finanzierungslandschaft aus.
Was ist das dritte Handlungsfeld, auf dem heimische Politik und Gesellschaft tätig werden müssen?
Es geht um das mangelnde Vertrauen in Wissenschaft und Medizin in Österreich. Wir sehen in vielen Bereichen eine zunehmende Skepsis, teilweise auch ein grundlegendes Misstrauen gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen oder gegenüber der pharmazeutischen Industrie. Das erschwert nicht nur die Einführung von Innovationen, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren im Gesundheitssystem. Wir brauchen mehr Dialog, mehr Transparenz und auch die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen.

Nicole Schlautmann
ist seit Oktober 2024 Geschäftsführerin von MSD Österreich. Zuvor war sie General Manager bei Pfizer Österreich und verfügt über langjährige internationale Erfahrung in der Pharmaindustrie, unter anderem in Deutschland, Frankreich und den USA. Ihre Schwerpunkte liegen auf strategischem Wachstum in den Bereichen Onkologie, Impfstoffe sowie Hospital- und Specialty-Produkte. Schlautmann hat Biologie in Münster studiert und einen MBA an der Purdue University erworben. MSD ist ein global tätiges biopharmazeutisches Unternehmen; in Österreich beschäftigt das Unternehmen rund 950 Mitarbeiter an drei Standorten.
Wie äußert sich dieses Misstrauen?
Ein anschauliches Beispiel ist meines Erachtens die Preisgestaltung: Das aktuelle System ist in vielen Fällen zu starr und zu wenig innovationsorientiert. Es kommt in der Praxis oftmals vor, dass zwei Unternehmen parallel ein Medikament entwickeln. Das Medikament, das später auf den Markt kommt, wird in der Regel preislich günstiger eingestuft – unabhängig davon, ob es möglicherweise einen höheren Nutzen hat.
Können Sie das näher erläutern?
Wenn ein Medikament für eine zusätzliche Indikation zugelassen wird, steigt die Zahl der behandelten Patienten. Im derzeitigen System führt das häufig automatisch zu Preisabschlägen. Sinnvoller wäre es, differenziert zu betrachten, wie stark das Volumen tatsächlich wächst und welchen Nutzen die zusätzliche Anwendung bringt. Ein starres System wird der Komplexität nicht gerecht.
Wie realistisch sind aus Ihrer Sicht die Bemühungen, die Produktion von Medikamenten nach Europa zurückzuholen?
Wir müssen hier realistisch bleiben. Die Produktion von Medikamenten ist hochkomplex und international organisiert. Es ist weder wirtschaftlich noch praktisch umsetzbar, alle Produktionsschritte in ein einzelnes Land zu verlagern. Was wir aber machen können, ist, die Resilienz der Lieferketten zu erhöhen. Das bedeutet, Abhängigkeiten zu reduzieren und alternative Bezugsquellen aufzubauen. Ereignisse wie die Blockade des Suezkanals oder der aktuelle Konflikt im Iran zeigen, wie anfällig bestehende Strukturen sind.
Welche Möglichkeiten hat Österreich hier? Können wir Produktion zurückholen?
Österreich hat seine Stärken klar im Bereich Forschung, Entwicklung und Innovation. Aufgrund der Expertise sind wir trotz der Kostenstruktur ein attraktiver Produktionsstandort. Nun geht es aber vor allem darum, die bestehenden Kapazitäten zu sichern und gleichzeitig die Stärken im wissensbasierten Bereich weiter auszubauen. Idealerweise werden dort, wo Forschung betrieben wird, auch nach Zulassung die Arzneimittel produziert. So herrscht anschließend für die Betroffenen der beste Zugang zu diesen Innovationen – das wäre der idealste Kreislauf.
Krisen bieten Chancen, heißt es. Ist da was dran?
Ja. Einer meiner Leitsprüche lautet: Never waste a good crisis. Krisen schaffen Veränderungsdruck. Sie machen sichtbar, wo Systeme nicht mehr funktionieren. Das ist eine Chance, Dinge neu zu denken und besser zu machen. Österreich steht aktuell vor wirtschaftlichen Herausforderungen, auch im Gesundheitssystem. Das eröffnet die Möglichkeit, Strukturen zu reformieren, Prozesse zu vereinfachen und Innovation gezielter zu fördern. Entscheidend ist, dass wir diese Gelegenheit auch nutzen.
Quellen und Links:
Informationen zu Nicole Schlautmann:
www.ots.at/presseaussendung/OTS_20241001_OTS0118/nicole-schlautmann-wird-neue-geschaeftsfuehrerin-bei-msd-oesterreich
Was macht MSD:
www.msd.at
EU-Life-Sciences-Strategie:
research-and-innovation.ec.europa.eu/strategy/strategy-research-and-innovation/jobs-and-economy/strategy-european-life-sciences

