Thomas Czypionka: „Reformen dauern immer länger als geplant“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom und Mediziner, im ÖKZ-Coverstory-Interview über seine Wünsche an die aktuelle Gesundheitsreform.

Herr Czypionka, Sie haben schon viele Gesundheitsreformen begleitet. Wie groß ist die Chance, dass es dieses Mal zu einem wirklichen Umbruch kommt?
Thomas Czypionka: Es zeigt sich wie bei allen Gesundheitsreformen: Am Anfang sind die Wünsche und Visionen groß, und die Verhandlungen bringen einen dann wieder auf den Boden der Realität zurück. Ich fürchte daher, dass die Reform nicht so weitgehend sein wird, wie man sich das wünschen würde.

Es gibt von der Politik viele Bekenntnisse zu Reformen. Glauben Sie, dass diesmal die Weichenstellungen entschlossener gehandhabt werden?
Ich habe den Eindruck, dass die Verhandlungspartner erkannt haben, dass die Zeit knapp wird. Das Defizitverfahren war ein deutlicher Warnschuss. Und die zeitliche Entwicklung spielt uns nicht in die Hände: Die negativen Auswirkungen der demografischen Entwicklung nehmen zu. Der Abstand zwischen medizinischen Innovationen und dem, was wir uns noch leisten können, wird in den nächsten Jahren deutlich stärker zu spüren sein. Das wird sehr schmerzhaft. Viele der Entscheider sehen die aktuellen Probleme, extrapolieren diese Entwicklungen aber nicht ausreichend in die Zukunft.

Thomas Czypionka (49)
ist am Institut für Höhere Studien (IHS) Leiter der Forschungsgruppe Health Systems and Health Policy. Er lehrt an mehreren Universitäten und ist als Berater in der Gesundheitspolitik tätig. Er ist ausgebildeter Mediziner, Volkswirt und aktueller Präsident der Austrian Health Economics Association (ATHEA).

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten: Was müsste in der Gesundheitsreform unbedingt drinnen stehen?
Erstens brauchen wir eine deutlich bessere Steuerung des Systems, damit die Reibungsverluste geringer werden. Das betrifft sowohl die Lenkung der Patienten als auch des Systems insgesamt. Gerade weil wir immer mehr chronisch kranke Menschen haben und gleichzeitig immer mehr Behandlungsmöglichkeiten und Disziplinen zusammenkommen, müssen die verschiedenen Ebenen viel stärker verzahnt werden. Der zweite Punkt betrifft die Digitalisierung. Wir müssen digitale Technologien endlich so nutzen und weiterentwickeln, dass sie auch tatsächlich angewandt werden können. Wir kennen alle die Probleme mit ELGA in der Praxis. Dabei liegt genau hier eines der wenigen echten Produktivitätspotenziale im Gesundheitswesen. In der Radiologie könnte man etwa durch KI viel effizienter entscheiden, welche Untersuchungen überhaupt angeordnet werden sollen. Und der dritte Punkt ist Prävention. Wir reden ständig über „Health in All Policies“, aber meistens bleibt es bei Sonntagsreden. Gesundheit beginnt nicht erst dann, wenn die Niere geschädigt ist oder das Herz versagt.

Die aktuelle Gesundheitsreform zielt auf Änderungen in Kompetenz- und Entscheidungsbereichen ab. Wird dies das System schneller machen?
Das ist eine der zentralen Voraussetzungen. Gleichzeitig braucht es aber auch einen Kulturwandel. Die digitalen Lösungen kommen ja nicht nur deshalb so schwer zustande, weil wir so viele Stakeholder haben, sondern weil es eine generelle Skepsis gegenüber Veränderungen gibt. Wenn ich allein an Herzmobil Tirol denke – wie lange es gedauert hat, bis das Modell überhaupt einmal über Tirol hinausgekommen ist. Wir entscheiden schlicht zu langsam. Das betrifft aber nicht nur die Digitalisierung. Auch bei Prävention oder bei der Ausbildung sehen wir das. Die Systeme arbeiten nebeneinander her.

Setzen wir die falschen Anreize?
Sehr oft. Eine Pulmologin hat mir erzählt, dass sie Patienten für die Sauerstoffeinstellung lieber gleich ins Spital schickt. Warum? Weil sie im niedergelassenen Bereich gedeckelt ist und nicht weiß, ob sie bestimmte Leistungen überhaupt bezahlt bekommt. Im Spital ist das egal. Also entsteht ein Bruch im System: Die Patienten werden ins Krankenhaus geschickt, dort muss alles noch einmal erhoben werden, und es entstehen zusätzliche Reibungsverluste. Solche Fehlanreize gibt es hunderte.

Sind Ambulanzgebühren ein geeignetes Steuerungsinstrument?
In der jetzigen Form nicht. Man kann den Menschen nicht vorwerfen, dass sie mit ihrem Kind in die Ambulanz gehen, wenn es im niedergelassenen Bereich keinen Kinderarzt gibt. Die Frage ist eher, wie man Zugänge sinnvoll steuert. Ich könnte mir vorstellen, dass man stärker über Gate­keeper-Modelle arbeitet. Beispielsweise über 1450. Wenn jemand zuerst dort anruft und von einem medizinischen Professional die Empfehlung bekommt, in die Ambulanz zu gehen, dann stellt sich die Gebührenfrage gar nicht mehr.

In Dänemark hat der Umbau des Gesundheitssystems mit wenigen stationären Kapazitäten und leistungsfähigen ambulanten Ressourcen 20 Jahre gedauert. Haben wir noch so viel Zeit?
Das ist genau das, was ich der Politik seit Jahren versuche zu erklären. Reformen dauern fast immer viel länger als ursprünglich geplant, weil es um institutionelle Veränderungen geht. Man kann nicht einfach ein Gesetz beschließen und erwarten, dass am nächsten Tag alles anders funktioniert. Das braucht Zeit, Ressourcen und Geduld.

Die Regierung hat Expertenpapiere beauftragt, in denen drei Modelloptionen für die Steuerung des Gesundheitssystems ent­wickelt wurden. Was ist davon zu halten?
Die Papiere sind noch nicht veröffentlicht. Ich kenne nur die Meldungen, die in den Medien zu finden sind. Aber die grundsätzliche Richtung ist nachvollziehbar. Wir haben schon früher vorgeschlagen, die bestehenden Versorgungszonen stärker zu nutzen und größere Regionen zu schaffen, weil man dadurch Skaleneffekte erzielen kann. Und es ist klug, ein Single-Payer-System zu schaffen. Aber diese „eine Hand“ braucht auch Voraussetzungen: demokratische Legitimation, Transparenz und echte Gestaltungsspielräume. Sonst entsteht nur ein passiver Zahler, der zwar Geld verteilt, aber das System nicht steuern kann.

Ambulant oder stationär? Seit Jahren versucht man, Leistungen zu verschieben. Trotzdem bleibt der stationäre Bereich dominant. Warum?
Im Ambulanzbereich hat sich durchaus etwas verändert. Die stationären Aufenthalte sind deutlich gesunken. Das Kernproblem bleibt aber die Finanzierungstrennung. Sobald ein Patient im Spitalsambulanzbereich behandelt wird, zahlt die Sozialversicherung praktisch nichts mehr zusätzlich, weil sie ihren Beitrag bereits an den Landesgesundheitsfonds geleistet hat. Im extramuralen Bereich hingegen muss sie voll zahlen. Das erzeugt massive Fehlanreize.

Letzte Frage: Werden wir 2036 weniger Spitäler haben?
Die Zahl der Spitäler sinkt schon heute laufend – allerdings oft nur auf dem Papier, weil mehrere Standorte organisatorisch zusammengelegt werden. Die Politik wird sich mit Händen und Füßen gegen notwendige Veränderungen wehren, aber die Demografie zwingt uns dazu. Viele ländliche Regionen verlieren junge Menschen. Deshalb wird es wahrscheinlich stärker in Richtung einiger weniger Schwerpunktkrankenhäuser gehen, während andere Standorte zu ambulanten oder regionalen Versorgungszentren umgebaut werden.

Weiterlesen:

Titelgeschichte der ÖKZ 3/2026: Gesundheitsreform: Macht und Milliarden

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