Christian Fohringer, Geschäftsführer der Notruf Niederösterreich GmbH und unter anderem für die telefonische Gesundheitsberatung 1450 zuständig, im ÖKZ-Coverinterview.
Herr Fohringer, Sie sind einer der Geschäftsführer der Notruf Niederösterreich GmbH und in Ihrem Bundesland für 1450 verantwortlich. Die Hotline soll das digitale Steuerinstrument für Patientenlenkung werden. Nehmen die Anrufer die Anweisungen der Gesundheitsberater ernst genug?
Die Akzeptanz ist grundsätzlich gut und nimmt weiter zu. Wir bieten mittlerweile auch Videoberatung an. Gerade bei dermatologischen Fragen oder bei Kindern ist diese Beratungsform extrem hilfreich. Der Klassiker ist, dass die dreijährige Tochter am Abend Fieber und Ausschlag hat. Wenn dann die Frage kommt: „Wie schaut der Ausschlag aus?“, dann ist die Antwort bei einem Videocall leichter zu liefern als bei einer mündlichen Beschreibung. Natürlich muss man abwägen: Video bringt nur dann einen Mehrwert, wenn es den Anrufer nicht zusätzlich stresst.

Christian Fohringer
ist Geschäftsführer der Notruf Niederösterreich GmbH und verantwortet unter anderem die telefonische Gesundheitsberatung 1450. Zuvor war er Medizinischer Leiter von Notruf NÖ und in dieser Funktion an Projekten wie der COVID-19-Impfkoordination beteiligt. Fohringer ist Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, war Oberarzt am Universitätsklinikum St. Pölten und langjährig als Flugrettungsarzt tätig. Zudem lehrt er an der FH St. Pölten und ist Milizoffizier.
Worum geht es bei den meisten Anrufen?
Meist um gesundheitliche Fragen mit niedriger Dringlichkeit, die Menschen aber verunsichern. Fiebernde Kinder, Medikamentenfragen, Einschätzungen. Früher hätte man vielleicht die Großmutter gefragt – diese sozialen Strukturen fehlen heute oft. Genau dafür ist 1450 da.
Bleiben wir bei der Patientensteuerung: Kann 1450 das Gesundheitsnavi werden, als das es angepriesen wird?
Stand heute: Nein. Leider sind die Voraussetzungen nicht gegeben, um diese Aufgabe auch nur annähernd wahrzunehmen.
Was ist das Problem?
1450 kann heute eine Einschätzung per Telefon, per Messenger oder Videocall liefern. Wir haben eine Filterfunktion. Wir trennen Bagatellfälle von den dringlichen Fällen. Idealerweise kann mit dem Telefonat der Fall abgeschlossen werden: Wenn eine Mutter wissen will, wie viel Nureflex sie ihrem Kind geben kann, dann können wir gut helfen. Anders liegt der Fall, wenn unsere Operatoren, allesamt diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, zu einem Arztbesuch raten. Wir können den Arztkontakt nicht garantieren. Wir haben keinerlei Informationen darüber, wo Kapazitäten verfügbar sind. Wir können sagen, welche Ordinationen am gleichen oder nächsten Tag in der Gegend geöffnet haben. Niemand kann aber versprechen, ob der Arzt oder die Ärztin die betreffende Person auch drannimmt. Wenn ich eine geordnete Patient Journey organisieren will, dann muss ich auch sagen, wohin die Reise geht. Das können wir nicht.
Was muss passieren?
Steuerung braucht Verbindlichkeit und Ziele. Wir haben weder das eine noch das andere. Wir von 1450 können auf kein Ordinationsbuchungssystem der niedergelassenen Ärzte zugreifen und dort einen Termin vereinbaren. Ebenso ist es nicht möglich, in einer Spitalsambulanz einen konkreten Slot zu buchen und anzukündigen, dass ein Patient zu einem bestimmten Zeitpunkt kommt. Das ist vom Design her von Anfang an nicht mitgedacht. Im Zweifelsfall wird der Patient in die Notfallambulanz des nächstgelegenen Krankenhauses gehen.
Welche Rolle spielt die Anbindung an ELGA?
Seit einem Jahr steht uns in den Nachtstunden ein Tele-Allgemeinmediziner zur Verfügung, der auch e-Rezepte ausstellen kann. Die technische ELGA-Verknüpfung wäre grundsätzlich vorhanden. Um jedoch tatsächlich auf die Daten zugreifen zu können, müsste sich der Patient über einen eCard-Steckkontakt legitimieren. Das geht zwar über die „MeineSV“-App mit der ID Austria, in der Praxis ist dies jedoch keine Lösung. Ein Großteil jener Menschen, die bei 1450 anrufen, gehört nicht zu jener Bevölkerungsgruppe, die diesen technischen Ablauf problemlos bewältigen kann. Was es stattdessen bräuchte, wäre ein niederschwelliger Zugang, der es erlaubt, Anrufer für einen begrenzten Zeitraum zu identifizieren und den Zugriff auf ausgewählte Gesundheitsdaten zu ermöglichen. Die Nutzung von e-Medikation sowie eine standardisierte Patient Summary wären zentral. Meine Operatoren müssen wie andere GDA schnell den Gesundheitszustand der Patienten erfassen können, ohne sich 20 Befunde durchlesen zu müssen.
Braucht es einen Eintrag der 1450-Empfehlungen in ELGA?
Es macht unbedingt Sinn, die im Rahmen von 1450 erbrachten Leistungen auch für weiterbehandelnde Stellen zu dokumentieren. Wenn in naher Zukunft 1450 für einen Patienten einen Termin zuweisen kann, dann sollte dies in ELGA sichtbar sein. Sonst wird es keine Verbindlichkeit geben.
Sollte auch eine Krankschreibung möglich sein?
Das ist eine politische Frage. Technisch wäre es kein Problem. Wenn Ärzte heute schon telefonisch Krankenstände ausstellen, muss man diese Realität mitdenken.
Was die Medien aktuell bewegt: Wie vielsprachig muss 1450 agieren können?
Ich kann diese Frage nur aus Sicht des Betreibers beantworten. Bei uns sitzen in der Nacht zwei Operatoren bereit, um zu helfen. Das ergibt rein rechnerisch nur eine überschaubare Anzahl an Fremdsprachen, die ich zur Verfügung stellen kann. Das Problem könnte man nur mit einem großen und durchgängig betriebenen Callcenter lösen, was sehr teuer wäre. Die Frage der Mehrsprachigkeit wird technisch zu lösen sein.
Wie kann dies aussehen?
KI wird uns bald Ergebnisse anbieten. Da bin ich sicher.
Wie sieht es mit der oft zitierten „Föderalismusfalle“ aus? Sollte 1450 zentral über das Ministerium gesteuert werden?
Aus meiner Sicht ist es richtig, dass der operative Betrieb in den einzelnen Bundesländern angesiedelt bleibt. Fakt ist, dass das Gesundheitssystem föderalistisch aufgestellt ist. Wenn man Gesundheit in Österreich vollständig zentral reformieren und steuern wollte, dann müsste konsequenterweise auch 1450 zentral geführt werden. Solange jedoch die Spitäler in Landeshand sind, die Notdienstsysteme von den Ländern organisiert werden, der niedergelassene Bereich im Bereich der Sozialversicherungen liegt und auch die ärztlichen Bereitschaftsdienste auf Landesebene angesiedelt sind, halte ich es für sinnvoll, 1450 ebenfalls über die Länder zu strukturieren. Eine Bundes-Hotline wäre unter diesen Gegebenheiten ohne jede vernünftige Anbindung. Da züchte ich Parallelsysteme. Das würde nicht funktionieren.
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Covergeschichte der ÖKZ 1/2026: Hotline 1450: Der Reise eine Richtung geben

