Reha: Durch Spielen genesen

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Autor: Josef Ruhaltinger

Gamification steigert den Rehabilitationserfolg bei speziellen Indikationen. Allerdings bremsen Datenbrüche den Fortschritt digitaler Reha-Anwendungen.

Digitale Technologien sind zentrale Hoffnungsträger für den Einsatzbereich der Rehabilitation. Dabei geht es nicht nur um die Unterstützung der Pflegedienste, sondern auch um therapeutische Anwendungen. Spielerische Ansätze, sogenannte Gamification-Apps, gelten in bestimmten Bereichen kognitiver Beeinträchtigungen als aussichtsreiche Therapiemethode: Sie versprechen bei den Patienten mehr Motivation und – in Konsequenz – bessere Therapieergebnisse. Der Bedarf ist enorm: Die WHO prognostiziert, dass 2050 zwei Mrd. Menschen medizinische Assistenzsysteme vor­übergehend oder dauerhaft nützen werden. Ihr Erfolgsweg ist im Bereich der Rehabilitation ein langer: Strukturelle Brüche in Finanzierung, Nachbetreuung und Datenstandards verhindern, dass digitale Reha-Anwendungen über Einzelfälle hinaus auf breiter Ebene wirksam werden.

Mit Begeisterung.
Digitale Anwendungen erlauben eine Weiterführung einer Therapie auch nach einer stationären Reha-Phase. Die Finanzierung dafür ist allerdings ungeklärt.

Vom Projekt zur Realität

Ein konkreter Versuch, digitale Gamification systematisch in der Rehabilitation zu erproben, war das Projekt DIRENE. Der 2022 an der FH St. Pölten gestartete Pilotversuch hatte zum Ziel, Online-Kurse (MOOC = Massive Open Online Course) für die akademische Lehre zu entwickeln sowie digitale und spielerische Anwendungen in realen Reha-Settings zu testen und zu evaluieren. Geleitet wurde das 2023 ausgelaufene Projekt von Anita Kidritsch, Professorin an der FH St. Pölten. Dabei wurden Anwendungen ausprobiert, Nutzerfeedback gesammelt und therapeutische Prozesse analysiert. Anita Kidritsch: „Die Ergebnisse fließen heute in Ausbildungsformate, Studiengänge und Positionspapiere ein.“ Für eine Überführung in den Regelbetrieb habe es „kein bestehendes Finanzierungsmodell gegeben“. Für Patienten wichtig: Das digitale Training regt an, auch „außerhalb der stationären Reha-Einrichtungen an sich zu arbeiten“.

Therapeutische Übungen müssen regelmäßig durchgeführt werden, oft über Wochen oder Monate hinweg. Gerade außerhalb von Reha-Einrichtungen fällt es vielen Betroffenen schwer, diese Routinen aufrechtzuerhalten. Gamification hilft, die gewohnten Abläufe beizubehalten. „Gamification ist ein starker Motivationsfaktor, weil sie hilft, regelmäßig dranzubleiben und das Üben in den Alltag zu integrieren“, unterstreicht Kidritsch die stete Verfügbarkeit der digitalen Applikationen. Nach orthopädischen Eingriffen, bei neurologischen Erkrankungen oder bei chronischen Einschränkungen entfalten die Programme große Wirkung. Betreuer können über die abrufbaren Trainingsdaten Rückmeldung geben, Abweichungen vom Trainingsplan sichtbar machen und die Intensität adaptiv anpassen.

Gleichzeitig ist der Markt unübersichtlich. Therapeutinnen und Therapeuten stehen vor der Herausforderung, aus einer Vielzahl von Angeboten jene auszuwählen, die fachlich sinnvoll, rechtlich zulässig und datenschutzkonform sind. „Es gibt heute deutlich mehr Möglichkeiten, aber genau das macht Entscheidungen komplexer“, sagt Kidritsch. Digitalisierung bedeutet in diesem Kontext nicht automatisch Entlastung, sondern verlangt zusätzliche Kompetenzen – etwa in Bewertung, Ethik und Datenschutz.

Kommunikationsprobleme.
Anita Kidritsch ist Studiengangsleiterin an der FH St. Pölten. Sie kämpft für die nutzbringende Integration von ELGA in den Reha-Bereich. Die aktuellen ELGA-Codes können Reha-Indikationen nur ungenügend beschreiben.

Die fragile Phase nach der Reha

Besonders deutlich treten die Grenzen digitaler Reha-Anwendungen am Übergang von der stationären Rehabilitation in den Alltag zutage. Während der Reha-Aufenthalt klar strukturiert und finanziert ist, endet diese Unterstützung nach der Entlassung häufig abrupt. „DiGAs funktionieren dann gut, wenn sie im Reha-Zentrum erlernt und danach gezielt weitergeführt werden“, so Kidritsch.

In der Realität fehlen dafür jedoch tragfähige Finanzierungsmodelle. Viele Reha-Lösungen sind als Stand-alone-Produkte konzipiert und werden Patientinnen und Patienten ohne nennenswerte therapeutische Begleitung überlassen. Die Folge ist geringe Nutzung oder ein rascher Abbruch. Auch die Übergabe an niedergelassene Therapeutinnen, Angehörige oder regionale Versorgungsangebote ist organisatorisch anspruchsvoll. Zwar gibt es Einrichtungen, die diesen Übergang aktiv gestalten, flächendeckend abgesichert ist dieser Prozess jedoch nicht. Damit rückt ein weiterer Engpass in den Fokus: der Informationsfluss. Welche Therapieziele wurden definiert, welche Fortschritte erzielt? Welche Einschränkungen bestehen weiterhin? Genau diese Informationen wären für eine sinnvolle Nachbetreuung zentral – sie gehen jedoch häufig verloren.

Wenn Daten nicht anschlussfähig sind

In naher Zukunft sollen Gesundheitsdienstleister brauchbaren Nutzen aus den ELGA-Akten ihrer Patienten ziehen können. Dazu soll die „Usability“ der bisherigen Befundsammlung deutlich gesteigert werden, wie ELGA-Vertraute versichern. Für Reha-Patienten und -Therapeuten sind derartige Ankündigungen allerdings bislang ohne Wert. Denn Rehabilitationserfolge und angewandte Therapien lassen sich in ELGA nicht oder nur unvollständig abbilden. In der elektronischen Gesundheitsakte werden medizinische Diagnosen primär über das Klassifikationssystem SNOMED CT (Systematized Nomenclature of Medicine – Clinical Terms) dokumentiert. Für die Rehabilitation ist die Aussagekraft dieser Codes zu eng gefasst. Denn Reha zielt nicht nur auf Krankheiten ab, sondern beschreibt auch die Handlungsfähigkeit des Patienten im Alltag. Dafür existiert mit der ICF-Klassifikation der WHO (International Classification of Functioning, Disability and Health) ein eigenes, international etabliertes System, mit dem beschrieben wird, wie gut ein Mensch im Alltag „funktioniert“ – nicht nur, welche Diagnose er hat. ICF-Daten lassen sich in ELGA bislang nur eingeschränkt abbilden. Damit fehlen strukturierte Informationen zu Mobilität, Selbstständigkeit oder sozialer Teilhabe. „Ohne Funktionsdaten bleibt ELGA für die Rehabilitation eine Blackbox“, sagt Kidritsch.

Diese Lücke hat systemische Folgen. Ohne ICF-Informationen lassen sich Rehabilitationsbedarfe schwer planen und evaluieren. Wie viele Menschen benötigen welche Therapieformen? Wo fehlen Kapazitäten? Laut Kidritsch laufen Gespräche über eine stärkere Berücksichtigung rehabilitativer Daten – Ausgang unbekannt. Digitale Gamification-Anwendungen zeigen, was mithilfe neuer Technologien möglich ist. Damit dieses Potenzial der Personalisierung über Pilotprojekte hinaus wirksam wird, braucht es kompatible Datenstrukturen, klare Zuständigkeiten und Finanzierungssysteme, die Rehabilitation als durchgängigen Prozess verstehen.