Joachim Klikovics: „Das ist der Sinn des Umdenkens“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Joachim Klikovics, neuer ärztlicher Leiter von OptimaMed, fordert eine Neuorientierung in der Rehabilitation. Im Interview erklärt er, warum Reha individueller werden muss, wo wertvolle Informationen verloren gehen und weshalb Prävention früher ansetzen sollte.

Herr Dr. Klikovics, Sie sind ärztlicher Leiter eines großen Reha-Betreibers. Sie fordern in Ihren Vorträgen ein Umdenken in der Rehabilitation. Sie nennen das Reha 2.0. Was meinen Sie damit?
Joachim Klikovics: Wir brauchen ein individuelleres, zielgerichtetes Rehabilitationsdenken. Wir müssen weg vom Standardpaket nach dem Motto: „Geh einmal auf Reha.“ Es braucht klare Ziele bei der Zuweisung, in der Diagnostik und im Rehabilitationsprogramm. Gleichzeitig müssen wir stärker unterscheiden, für wen eine ambulante Rehabilitation ausreicht und welche Fälle ein stationäres Setting benötigen. Entscheidend ist, die Rehabilitation tatsächlich auf den einzelnen Patienten auszurichten.

Neues
Verständnis von Reha.
Individualisierte Programme und spezielle Vorbereitungsmaßnahmen solle Reha 2.0 effektiver machen: Die Patienten kehren fitter und früher in den Alltag zurück.

Muss das gegenwärtige Reha-System verbessert werden?
Ich bin überzeugt davon. Ein wesentliches Problem ist die Schnittstelle zwischen Akutversorgung, niedergelassenem Bereich und Rehabilitation. Wir verzeichnen hier einen großen Informationsverlust. Für eine zielgerichtete Rehabilitation müssen wir wissen, was während eines Krankenhausaufenthaltes passiert ist, welche Probleme aufgetreten sind und welche Vorgeschichte ein Patient hat. Fehlen diese Informationen, verlieren wir wertvolle Zeit, in der wir uns erst selbst ein vollständiges Bild machen müssen.

Als Laie frage ich: Ist eine gut begründete Reha-Zuweisung keine Selbst­verständlichkeit?
Das sollte es sein. Leider bekommen wir in vielen Fällen nur marginale Informationen. Eine Zuweisung, auf der im Wesentlichen nur „Rehabilitation erbeten“ steht, reicht für eine moderne Therapie nicht aus. Der zuweisende Arzt kennt den Patienten und seine Krankengeschichte und verfügt oft über Informationen, die für uns sehr wichtig wären. Diese Informationen müssen in vollem Umfang und rasch bei der Rehabilitationseinrichtung ankommen.

Welche Rolle spielt bei diesen Informationsdefiziten die elektronische Gesundheitsakte?
ELGA könnte einen wichtigen Teil davon abdecken. Dazu muss sie aber erstens vollständig und zweitens alltagstauglich werden. Die elektronische Gesundheitsakte ersetzt nicht die spezifischen Informationen des zuweisenden Arztes. Wir brauchen neben Befunden und medizinischen Daten auch Wissen darüber, wie der bisherige Behandlungsverlauf war und welche besonderen Probleme aufgetreten sind. Erst diese Kombination ermöglicht es uns, unmittelbar mit einer patientenspezifischen Rehabilitation zu beginnen.

Wie muss künftig Diagnostik in Reha- Einrichtungen aussehen?
Auch hier müssen wir weiterkommen. Ich bin seit sieben Jahren Ärztlicher Direktor in Reha-Einrichtungen. Da darf ich sagen, das Fach hatte lange ein behäbiges Image. Das ist heute anders. Moderne Rehabilitation braucht moderne medizinische Diagnostik. Dazu gehören wissenschaftliche Bewegungsanalysen, funktionelle Untersuchungen, moderne Labordiagnostik und internistische Verfahren wie Lungenfunktions- und Diffusionsmessungen. Je genauer wir den Patienten und seine funktionellen Einschränkungen kennen, desto gezielter können wir behandeln.

Prim. Dr. Joachim Klikovics
ist Facharzt für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Orthopädie und Traumatologie am Universitätsklinikum Neunkirchen, Ärztlicher Direktor des OptimaMed Rehabilitationszentrums Raxblick und neuer ärztlicher Leiter in der OptimaMed.

Kommen wir zu den Reha-Programmen selbst. Was muss sich inhaltlich ändern?
Ein Rehabilitationsprogramm umfasst nicht nur den stationären Bereich, sondern betrifft die gesamte Patientenreise. Ein Beispiel aus der Orthopädie: Wir kennen die Wartezeiten von sechs bis zwölf Monaten auf ein künstliches Gelenk. Statt diese Zeit einfach abzusitzen, könnte der Patient eine zielgerichtete Gesundheitswoche in einem Rehazentrum verbringen – eine Art Prähab-Woche. Wir zeigen: Was muss im häuslichen Bereich vorbereitet werden? Wie steige ich mit Krücken Stiegen? Was brauche ich nach der Entlassung? Und wir können Anleitung zur körperlich-muskulären Ertüchtigung geben. So ist die anschließende stationäre Reha von Anfang an gezielter, weil die Vorbereitung schon stattgefunden hat.

Wer entscheidet über die Vorbereitungsphase?
Das passiert bei bestimmten Indikationen im Paket. Das ist genau der Sinn dieses Umdenkens: Mit der Zuweisung zur Operation beginnt für mich bereits die Patientenreise – mit einer zielgerichteten Gesundheits- beziehungsweise Prähab-Woche. Das funktioniert ambulant oder stationär.

Aktuell fließen nur vier bis sechs Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in Prävention. Wie steigert man die Anstrengungen, Gesundheitsschäden erst gar nicht eintreten zu lassen?
Unser System ist in erster Linie auf Reparatur ausgerichtet. Geldflüsse für Krankheiten, denen vorgebeugt wurde und damit nicht eintreten, sind dabei so gut wie nicht vorgesehen. Und das wenige verteilt sich nach dem Gießkannenprinzip. Richtet man den Aufwand stattdessen auf Menschen mit ersten Anzeichen – etwa Osteopenie –, lässt sich mit funktioneller und laborchemischer Diagnostik eine echte zielgerichtete Gesundheitswoche gestalten. Jede Wirbelkörperfraktur, die aus einer manifesten Osteoporose entsteht, zieht operative Eingriffe, wiederkehrende Reha-Aufenthalte, oft auch Pflegebedürftigkeit nach sich – Dinge, die im reversiblen Stadium gar kein Thema mehr sein müssen.

Reicht eine Gesundheitswoche, um am Bewusstsein der Patienten zu arbeiten?
Das muss man sich im jeweiligen Setting noch genauer ansehen. Die klassische Kur dauert drei Wochen, ist aber oft ein Overall-Treatment in alle Richtungen. Fokussiert man wirklich auf ein konkretes Thema, glaube ich, dass es in deutlich kürzerer Zeit möglich ist –, was auch die Umsetzung erleichtert, denn drei Wochen aus dem Beruf auszusteigen, kann sich nicht jeder leisten.

Themenwechsel: Welche Rolle spielen künftig Telemedizin und KI in der Rehabilitation?
Die digitalen Technologien nehmen uns in der Breite viel Basisarbeit ab, können Rehabilitationsziele begleiten und mit Patienten solche definieren. Wichtig ist, dass wir Ärzte im Hintergrund die Kon­trolle behalten, während diese Tools in der Fläche gut wirken.

Ein Blick nach vorn: Welchen neuen Reha-Indikationen begegnen wir in der nahen Zukunft?
Mentale Gesundheit wird ein Riesenthema – vor zwanzig Jahren spielte sie in der Reha kaum eine Rolle. Wir betreiben bereits drei psychiatrische Einrichtungen, davon zwei für Kinder und Jugendliche. Gerade im Zusammenhang mit Schmerzsyndromen ist die mentale Komponente immer mitbetroffen. Das erfordert künftig verstärktes interdisziplinäres Denken. 

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