In Österreich laufen mehrere Versuchsprojekte für digitale Rehabilitations-Werkzeuge – mit ermutigendem Erfolg. Aber solange die Frage der Honorierung durch die Kassen im Nebel bleibt, solange werden Österreichs Beitragszahler auf den Roll-out der digitalen Segnungen verzichten müssen.
Rehabilitations-Therapien pflegen nicht abgebrochen zu werden. Sie versanden. Sie laufen aus. Man könnte auch sagen: diffundieren. Denn für viele Reha-Patienten bedeutet das Ende des stationären Aufenthalts auch ein Ende ihrer Therapie. Da können betreuende Therapeuten und Mediziner noch so lange ins Gewissen reden – die während der Reha-Wochen befeuerte Begeisterung an der eigenen Genesung weicht Stück für Stück dem häuslichen Trott oder beruflichen Stress – je nachdem. Mit den Mitteln der digitalen Revolution soll dem inneren Schweinehund eine Grenze gesetzt werden. „Wir bauen eine Brücke“, zeigt Markus Reiter Verbindlichkeit. Er ist Geschäftsführer des einstigen Start-ups room4physio, das von der Klinikum Austria Gesundheitsgruppe (KAG) – Betreiber von fünf Reha-Einrichtungen in Österreich – gekauft und auf den Namen room4 eingekürzt wurde. Reiter, der auch Positionen in der KAG bekleidet, erklärt die bauliche Metapher: Denn mit dem kleinen DigiTech-Unternehmen wanderte auch dessen Hauptprodukt unter das Dach der KAG – die App „enlivio“. Sie soll Reha-Patienten künftig dazu animieren, das erlernte Training auch innerhalb der eigenen vier Wände konsequent zu verfolgen. enlivio bringt die Nachsorge nach Hause.

Home-Reha. Telerehabilitation wird die Gesundungsphase nach Unfällen oder schweren Krankheiten in die Wände des Patienten tragen. Die schnellstmögliche Eingliederung in den Alltag ist das Ziel.
Therapeuten überwachen Training
Im Kern ist enlivio nichts anderes als ein Tool wie Zoom oder Teams – nur mit ein paar Extra-Features. Das Teletherapie-Werkzeug bietet Funktionen, die neben den Patientenbedürfnissen die Perspektive der betreuenden Therapeuten berücksichtigt. Denn jeder enlivio-Anwender verfügt über einen zugeordneten Therapeuten, der Ansprechpartner und Betreuer während der ganzen Teletherapie bleibt. In aller Regel ist dies einer derjenigen Helfenden, die sich bereits in der stationären Reha-Phase um den Patienten gekümmert haben. Eine in die App integrierte Screenshot-Funktion macht Fotos während der Übung, um den Patienten zu informieren und auf Übungsfehler aufmerksam zu machen. Die Bilder können direkt zwischen Therapeut und Patient geteilt werden. Dabei wird auf Korrekturen aufmerksam gemacht. Nach der Session dokumentieren Fotos und Anmerkungen den Reha-Fortschritt direkt in der App. Wichtig für die Anwendung sind die individualisierten Übungspläne. Die Therapeuten können inzwischen aus 450 Übungsfilmchen wählen, aus denen spezielle Aufgabenfolgen für den Patienten zusammengestellt werden. Wöchentlich werden es mehr. Die Televorlagen sichern korrekte Ausführung, Intensität und Dauer der Übung.
Natürlich müssen die Reha-Patienten von der digitalen Therapie überzeugt sein. Die behandelnden Therapeuten nehmen ihre Schützlinge an deren letzten Tagen des Reha-Aufenthaltes zur Seite, um ihnen enlivio zu erklären und sie einzuschulen. Dabei wird auch der persönliche erste Trainingsplan mit den geeigneten Übungen übermittelt und begründet. Die physiotherapeutischen Fachkräfte erstellen das Trainingsprogramm ganz nach den persönlichen Bedürfnissen der Patienten. Vielfach werden die einzelnen Übungen bereits während der Reha erlernt, die Visualisierung in der App bietet dann zu Hause Unterstützung, damit sich keine Fehler einschleichen. Der persönliche Trainingsverlauf wird online gespeichert und erlaubt es den Therapeuten, das Programm je nach Bedarf und Fortschritt anzupassen. Ein monatliches Video-Telefonat zwischen Patienten und Physiotherapeuten für Feedback und Fragen sowie eine Erinnerungsfunktion für Termine komplettieren das Angebot. Wichtig: Durch die zwingende Einbindung des vertrauten Reha-Personals bleibt der Patient loyal zum Reha-Programm. Die App ersetzt weder die Physiotherapie während der Reha noch eine eventuelle ambulante Therapie danach. Markus Reiter betont, dass enlivio ein zusätzliches Unterstützungsangebot darstellt, um den Kontakt zwischen Rehaklinik und Patienten so lange wie möglich aufrecht zu halten. Die Teletherapie ist eine zusätzliche Betreuungsform, aber kein Substitut existierender Reha-Formate.
enlivio wird in den Häusern der Klinikum Austria-Gruppe in einem Pilotprojekt auf Herz und Nieren geprüft. Das Hauptaugenmerk von room4-Geschäfsführer Markus Reiter liegt aber im Geschäft mit Dritten. Kranken- und Sozialversicherungen sind natürliche Anwender digitaler Teletherapien: Abgesehen vom persönlichen Gewinn des Patienten bleibt ein Beitragszahler nach einer intensiven und mit Teletherapie abgeschlossenen Rehabilitation länger gesund. Fleißige Reha-Patienten gliedern sich rascher in ihr altes Leben ein und werden nicht so schnell zum neuen Versicherungsfall.
Die Sozialversicherung der Selbständigen SVS engagiert sich bereits beherzt beim Thema der Telerehabilitation. Sie erfüllt damit Erwartungen: Laut einer room4-Befragung erwarten sich 50 % aller Patienten in der Physiotherapie digitale Services. Die SVS rollt aktuell ein enlivio-Pilotprojekt aus, um Praxistauglichkeit zu prüfen und notwendige Nachweise für ein Medizinprodukt der Klasse 1 zu erarbeiten. Dabei tun sich durchaus Baustellen auf, wie Markus Reiter erzählt. Oft geht es um die Bedienbarkeit der App – soll der Knopf größer oder kleiner sein – und andere Details der Usability. Aber eine der ersten Erkenntnisse war die Entkräftung der Befürchtung, dass betagte Patienten den Umgang mit einem Digi-Tool ablehnen würden. „Als mir beim ersten Onboarding ein Herr mit Jahrgang 44 sein neues Handy zeigte und fragte, ob wir einen QR-Code für den App-Download haben, da wusste ich, dass wir uns in der Hinsicht keine Sorgen machen müssen.“

Home of App. Das eHealth-Institut von Robert Mischak an der FH Joanneum gilt als Brutstätte digitaler Innovation. Gleich mehrere Gesundheits-Applikationen haben ihre Wurzeln in Graz.
Nicht allein seligmachend
„Digitale Hilfsmittel werden die Welt der Rehabilitation und aller anderen Formen der Gesundheitsdienstleistung verändern. Am Ende des Tages geht es um erhöhte Produktivität und gesteigerten Patientennutzen“, meint Robert Mischak. Er ist Instituts- und Studiengangsleiter eHealth sowie Vorsitzender des Departments für Angewandte Informatik der FH Joanneum. Bis zu welchem Grad Innovation die Auswirkungen von Personalmangel und Bedarfssteigerung lindern könne, sei eine Frage, „wie wir mit dem gewonnenen Leistungsvermögen umgehen“. Wenn die Produktivitätsgewinne nur dazu führten, dass „wir mehr vom Gleichen machen“, werde dies wenig helfen. „Wenn wir Innovation klug nutzen, um gesündere Mitbürger zu haben, dann wird uns die Digitalisierung ein Stück weit aus den aktuellen Zwängen rausführen.“
Das eHealth-Institut von Robert Mischak ist Brutstätte und Ursprung mehrerer HealthTechs und Gesundheitsapps. Telerehabilitation ist an der FH ein eigenes Weiterbildungsmodul. enlivio hat auch Wurzeln im Joanneum. Ein weiteres Resultat der Forschungsarbeit am Institut ist „Erna“: Erna ist ein Tablet, mit dem die therapeutischen Übungen für die Bereiche Atmung, Schlucken, Stimme und Kommunikation in gewohnter Umgebung und zeitunabhängig zu Hause durchgeführt werden können. Derzeit erproben das LKH Graz und das LKH Hochsteiermark in Leoben die Tele-Reha-Lösung für die Sprach- und Schluckrehabilitation. Die Applikation soll Patienten helfen, die aufgrund von Kehlkopfkrebs das Sprechen und Schlucken neu lernen müssen und dies mithilfe des Tablets nun zu Hause machen. „Manche Patienten mussten für eine logopädische Übungsstunde aus der Südsteiermark oder dem oberen Murtal nach Graz fahren“, beschreibt der FH-Professor die Mühen der Betroffenen.
Die gesamte Betreuung in der Steiermark – und teils auch von Patienten aus dem Südburgenland – war bisher nur am Grazer LKH-Uniklinikum möglich. Mit Erna kann jeder Betroffene daheim üben. Den Anstoß gab Markus Gugatschka, Vorstand der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Er besprach seine Idee mit den Forschern des Smart Labs der FH, die dazu eine spezielle Software bastelten. Jetzt kann die vom Smart Lab der FH Joanneum entwickelte Software wichtige Gesundheitsparameter wie etwa Gewicht, Wohlbefinden und Angaben zu allfälligen Schmerzen speichern. Mit der Übernahme des entwickelten Systems im Einzugsbereich des LKH Hochsteiermark in Leoben wird nun die gesamte Steiermark abgedeckt. Gefördert wurde das Projekt vom Gesundheitsfonds Steiermark im Rahmen einer Digitalisierungsoffensive. 50 Prozent der Projektkosten wurden von der österreichischen Sozialversicherung getragen. Ziel ist, dass die Entwicklung österreichweit als zusätzliche Therapie-Option ausgerollt wird.

Regelversorgung. room4-Chef Markus Reiter will enlivio zum Standard einer mobilen Therapeuten-Patientenkommunikation machen. Die Mühlen mahlen: Bis heute geht es nur um Pilotphasen.
Schaffung neuer Bedürfnisse?
Die Innovationskraft der heimischen Start-ups und Forschungsinstitute sorgt für einen steten Nachschub an digitalen HealthTech-Werkzeugen. Jedes Jahr erweitert sich das Angebot. Ihre Wirksamkeit ist in Österreich derzeit aber begrenzt. Sehr viele der heimischen Erfinder gehen mit ihren Produkten auf den deutschen Markt, der durch ein modernes DiGa-Gesetz (Digitale Gesundheitsanwendungen) über definierte Rahmenbedingungen verfügt –, die in Österreich bestenfalls als diffus angesehen werden müssen. Daher ist in heimischen Landen der Einsatz von digitalen Gesundheits- und Rehabilitationsapps im Vergleich zum westlichen Nachbarn oder den skandinavischen Ländern bestenfalls zögerlich. Von einer flächendeckenden Regelversorgung mit den digitalen Hilfsmitteln kann in Österreich keine Rede sein. enlivio wie Erna befinden sich zu großen Teilen noch in Pilotphasen, genauso wie RehaTrain, das Telerehabilitationsprojekt der Pensionsversicherung. Die Gründe für die Zurückhaltung sind aus Sicht der Forscher und Gründer monetär.
Die Zahler des Gesundheitssystems befürchten, neue Bedürfnisse zu wecken. „Die Finanziers zögern, weil digitale Gesundheitsanwendungen mit großer Wahrscheinlichkeit eine Ausweitung der Leistungserbringung bedeuten“, so Robert Mischak. Die Digitalisierung wird Anwendungen ermöglichen, die es bislang nicht gab. Sie werden bei Fällen eingesetzt, die vielleicht bis heute nicht therapiert werden oder bei denen die Behandlung als abgeschlossen angesehen wurde. Und dies bedeutet zusätzliche Ausgaben. Die Sozialversicherungen wollen – aus Sicht der Beitragszahler nicht umsonst – ganz besonders überzeugt werden, dass DiGa und Werkzeuge der Telerehabilitation mehr bewirken als einen „nice-to-have“-Effekt. Die Beteuerungen auf Konferenzen und Kongressen, dass die Stakeholder den Möglichkeiten des digitalen Fortschritts alle Tore öffnen, lassen sich in der Realität nicht nachvollziehen. Robert Mischak stellt dabei die Frage in den Raum, ob die Errungenschaften des digitalen Zeitalters zur Gänze von der Öffentlichkeit getragen werden müssen: „Kann man der starken Boomer-Generation zumuten, für die eigene Gesundheit selbst Geld in die Hand zu nehmen?“ Er ist sich sicher, dass die Innovationskraft des Gesundheitssektors steigen würde. Denn aktuell werde der Fortschritt „aus ökonomischen Gründen“ behindert.

