Die 2-Klassen-Medizin ist sozioökonomisch so natürlich wie jene Autobahnspur im sowjetischen Moskau, die nur den hohen Funktionären vorbehalten war. Wenn man sich einen Vorteil schaffen kann, dann tut man es. Einfach weil es geht. Solange es ein Wahlarztsystem gibt, solange wird es eine Differenzierung bei den Gesundheitsdienstleistungen geben. Schließlich muss der Wahlarzt sein Honorar auch rechtfertigen – deswegen wird er sich mehr anstrengen. Heikel wird es dann, wenn die Kluft zwischen Kassenmedizin und Kartenmedizin zu weit auseinanderklafft. Wer jetzt glaubt, dass in Österreich der Zugang zu guter Versorgung von großen Unterschieden geprägt ist, war noch in keiner US-Klinik.

Frisurensymmetrie. Zum Interview bei Martin Gruber (li.) im äußersten Eck des 8. Bezirks in Wien. Rechts im Bild: ÖKZ-Chefredakteur Josef Ruhaltinger.
Die Wahrnehmung einer 2-Klassen-Medizin ist in erster Linie von Wartezeiten geprägt. Wenn man niemanden kennt, muss man den Operateur als Wahlarzt nehmen. Dann stellt man sich zwar hinten an, bleibt aber dort nicht lange. Bei der Qualität der Versorgung ist im stationären Bereich kein oder kaum ein Unterschied festzustellen –, wenn man einmal vom unterschiedlichen Zimmerkomfort absieht. Das ist im ambulanten Bereich anders: Wer sich als Zusatzversicherter oder gegen Bares bei Wahlarzt Martin Gruber am Knie operieren lässt, erhält „Maximalversorgung“, wie er selbst verspricht. Das kann das öffentliche Gesundheitssystem aus Kosten- und Kapazitätsgründen nicht leisten.
Schlimm: Mehr als jeder zehnte Befragte hat in Österreich im Gesundheitsbereich die Aufforderung zu einer informellen Geldzahlung erlebt, um sich Vorteile zu sichern. Österreich ist damit mit Abstand das korrupteste EU-Land im Gesundheitsbereich.
Es gibt aber auch Gutes zu vermelden: Unser Magazin ÖKZ, das 2024 auf einen Konsolidierungskurs geschickt wurde, wird im kommenden Jahr wieder sechs Mal erscheinen. Freuen Sie sich mit uns auf mehr Analysen und Service aus dem Bereich der Gesundheitswirtschaft.
Und beglückwünschen Sie mit mir unsere eHealth-Kolumnistin Michaela Endemann-Wright, die –, wie die Namensänderung verrät –, geheiratet hat. Herzlichen Glückwunsch!


