Zentrales Hämatoonkologisches Tumorboard in NÖ

Lesedauer beträgt 4 Minuten
Autor: NÖ Landesgesundheitsagentur

Niederösterreich vernetzt seine onkologische Expertise: Im Hämatoonkologischen Tumorboard erarbeiten Fachleute verschiedener Disziplinen gemeinsam Therapieempfehlungen – standortübergreifend und für jeden Patienten individuell.

Neue Erkenntnisse der Molekularbiologie, innovative Therapieverfahren und personalisierte Behandlungskonzepte führen zu einer kontinuierlichen Erweiterung der diagnostischen und therapeutischen Optionen in Hämatologie und Onkologie. Mit dieser Entwicklung steigen zugleich die Komplexität medizinischer Entscheidungen und der Bedarf an spezialisierter, interdisziplinär vernetzter Expertise. Mit dem Aufbau eines landesweiten onkologischen Tumornetzwerks setzt Niederösterreich auf ein Versorgungsmodell, das Expertise vernetzt und die Weiterentwicklung einheitlicher Behandlungsstandards fördert. Kernstück dieser Struktur ist das etablierte Hämatoonkologische Tumorboard. Hier werden komplexe Fragestellungen von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachdisziplinen gemeinsam beurteilt. Unter Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse entstehen konsentierte Empfehlungen, die eine fachlich fundierte und nachvollziehbare Entscheidungsgrundlage schaffen. Das Tumorboard ist damit mehr als ein Instrument der Fallbesprechung. Es bildet eine zentrale Plattform für Wissensaustausch, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Qualitätssicherung. Gleichzeitig fördert es die Harmonisierung diagnostischer und therapeutischer Vorgehensweisen innerhalb des Netzwerks und unterstützt die kontinuierliche Weiterentwicklung klinischer Prozesse.

Vernetzt gegen den Krebs.
Mit der Einrichtung des Hämatoonkologischen Tumorboards forciert die LGA NÖ den interdisziplinären Austausch und eine standortübergreifende Entscheidungsfindung.

Vorgehensweise im Hämatoonkologischen Tumorboard

Alle hämatoonkologischen Patientinnen und Patienten werden im Rahmen des Tumorboards erfasst und einer strukturierten Beurteilung zugeführt. Die Anmeldung erfolgt durch das zuständige Case Management, welches den jeweiligen Fall auch im Tumorboard präsentiert.

Für Fälle, bei denen auf Grundlage aktueller evidenzbasierter Leitlinien ein eindeutig definiertes und standardisiertes therapeutisches Vorgehen besteht, erfolgt eine abschließende fachliche Validierung durch die Tumorboardleitung. Liegen hingegen komplexe Fragestellungen, unklare Befundkonstellationen oder mehrere therapeutische Behandlungsoptionen vor, wird der Fall im Tumorboard vorgestellt und interdisziplinär diskutiert. Im Rahmen der Besprechung werden alle relevanten klinischen, diagnostischen und therapeutischen Informationen gemeinsam bewertet. Auf dieser Grundlage wird eine individuelle, leitlinienkonforme Therapieempfehlung erarbeitet und dokumentiert.

Die Einbindung der erforderlichen Fachdisziplinen ist standardisiert geregelt. Hierfür steht ein Pool medizinischer Fachexpertise zur Verfügung, aus dem die jeweils erforderlichen Fachrichtungen entsprechend der Fragestellung eingebunden werden. Die Tumorboardkoordination gewährleistet die Vertretung aller relevanten Disziplinen und stellt damit eine umfassende interdisziplinäre Beurteilung sicher.

Durch die standortübergreifende Zusammensetzung des Tumorboards werden zudem sämtliche beteiligte Krankenanstalten in den Entscheidungsprozess eingebunden. Dadurch werden vorhandene Kompetenzen organisationsweit genutzt und einheitliche, leitlinienkonforme Therapieempfehlungen unabhängig vom Behandlungsstandort sichergestellt. Zugleich wird die Zusammenarbeit mit zuweisenden Einrichtungen und peripheren Versorgungsstrukturen gestärkt. Standortübergreifende Versorgung erfordert, dass Befunde, Bilddaten und weitere behandlungsrelevante Informationen dort verfügbar sind, wo sie für diagnostische und therapeutische Entscheidungen benötigt werden. Die strukturierte Bereitstellung dieser Informationen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Zusammenarbeit über Krankenanstalten- und Fachbereichsgrenzen hinweg.

Eine zentrale Grundlage dafür bildet das seit Jahren in der NÖ Landesgesundheitsagentur etablierte Onkologische Informationssystem. Durch die kontinuierliche und standardisierte Dokumentation onkologischer Behandlungsverläufe sowie die hohe Datenqualität schafft es die Voraussetzung für transparente und nachvollziehbare Versorgungsprozesse. Die darin erfassten Daten bilden zugleich eine wesentliche Basis für den Aufbau und die Weiterentwicklung eines standortübergreifenden Tumornetzwerks.

Digitalisierung ist damit kein eigenständiges Ziel, sondern ein wichtiges Instrument zur Unterstützung einer vernetzten, qualitätsorientierten und patientinnen- und patientenzentrierten Versorgung. Sie schafft zugleich die organisatorischen und technischen Voraussetzungen, um die Zusammenarbeit innerhalb eines Tumornetzwerks nachhaltig zu stärken und weiterzuentwickeln.

Team Hämatoonkologisches Tumorboard NÖ (l. n.r, beginnend ca. 12:00 Uhr):
Prim. Clin.Assoc.Prof. Priv.Doz. Dr. Josef Singer, PhD, MBA (medizinischer Projektleiter/UK Krems), Nicole Steiner (Tumorboard-Koordinatorin/UK St. Pölten), Dzenita Abdulahagic (Tumorboard-Koordinatorin/UK St. Pölten), Brigitte Kuca (Tumorboard-Koordinatorin/UK Wiener Neustadt), Nino Prugger (Tumorboard-Koordinator/UK Wiener Neustadt), OÄ Dr. Verena Felsleitner-Hauer (medizinische Projektmitarbeiterin/UK Wiener Neustadt), OÄ Dr. Petra Pichler-Izmir (medizinische Projektmitarbeiterin/UK St. Pölten), Nicole Schwendenwein (Tumorboard-Koordinatorin/UK Wiener Neustadt)

Gemeinsam entscheiden – gemeinsam lernen

Neben der strukturierten Beurteilung komplexer Patientinnen- und Patientenfälle trägt das Hämatoonkologische Tumorboard wesentlich zur Weiterentwicklung der onkologischen Versorgung bei. Der kontinuierliche Austausch aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse, klinischer Erfahrungen und neuer diagnostischer sowie therapeutischer Möglichkeiten unterstützt die zeitnahe Umsetzung evidenzbasierter Entwicklungen in die Versorgungspraxis.

Gleichzeitig bildet das Tumorboard einen zentralen Ausgangspunkt für die systematische Weiterentwicklung des onkologischen Versorgungsnetzwerks in Niederösterreich. Durch regelmäßige Evaluierungen, die Analyse definierter Qualitätsindikatoren und die aktive Einbindung der beteiligten Expertinnen und Experten können Versorgungsprozesse transparent beurteilt und gezielt weiterentwickelt werden. Dies ermöglicht eine laufende Anpassung an wissenschaftliche Innovationen, veränderte Versorgungsanforderungen und neue diagnostische sowie therapeutische Standards.

Auf diese Weise entsteht ein lernendes System, das medizinische Qualität, evidenzbasierte Entscheidungsfindung und einen effizienten Ressourceneinsatz miteinander verbindet und damit die Grundlage für eine nachhaltig zukunftsorientierte onkologische Versorgung im gesamten Bundesland schafft.

Kontinuierliche Qualitätsentwicklung

Die Qualität des Tumornetzwerks wird durch ein systematisches Qualitätsmonitoring begleitet. Regelmäßige Evaluierungen und definierte Kennzahlen ermöglichen eine objektive Beurteilung von Prozessen, Dokumentation und Behandlungsergebnissen. Dies betrifft nicht nur die therapeutischen Möglichkeiten, sondern zunehmend auch die diagnostischen Verfahren, die durch molekulare Analysen, Biomarker-Testungen und präzisere Bildgebung stetig komplexer werden. Um neue Entwicklungen rasch, qualitätsgesichert und unter Berücksichtigung eines effizienten Ressourceneinsatzes in die Versorgung zu integrieren, ist ein standardisiertes Vorgehen unabdingbar. Die Grundlage dafür bilden verbindliche Prozesse sowie eine kontinuierliche Qualitätssteuerung anhand definierter Kennzahlen. Für Tumorboards eignen sich insbesondere Prozesskennzahlen wie die Zeitspanne zwischen Diagnosestellung und Tumorboardvorstellung, die Vollständigkeit der Falldokumentation oder die Umsetzungsrate der beschlossenen Empfehlungen. Ergänzend ermöglichen Dokumentations- und Therapiekennzahlen, beispielsweise zur Leitlinienkonformität, Datenqualität und Therapiedurchführung, eine objektive Bewertung der Versorgungsqualität sowie die Identifikation von Verbesserungspotenzialen. Das Tumornetzwerk schafft damit einen strukturierten Rahmen, um medizinische Exzellenz, effizienten Ressourceneinsatz und eine wohnortnahe Versorgung langfristig und nachhaltig zu sichern.  

Autorin:

Christine Hofstötter MBA MSc
ist Organisatorische Tumornetzwerk­leiterin der Niederösterreichischen Landesgesundheitsagentur.

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