Österreichs Gesundheitspolitik hegt große Pläne für die Gesundheitshotline 1450. Sie soll Dreh- und Angelpunkt für eine effiziente Patientensteuerung werden. Für eine erfolgreiche „Patient Journey“ braucht es aber Verbindlichkeit und Termine.
Es herrschte schon Weihnachtsstimmung, als sich die Spitzen des österreichischen Gesundheitssystems am 12. Dezember zu einer Sitzung versammelten. Treffpunkt der Bundes-Zielsteuerungskommission war der Gobelinsaal im Gesundheitsministerium am Stubenring, ein – entgegen seinem Namen – zutiefst nüchtern gehaltener Konferenzsaal inmitten des tausendräumigen Ambientes des ehemaligen k.u.k. Kriegsministeriums. Es war die vierte einschlägige Besprechung des Jahres. Jeder Machtsektor hatte seine Boten entsandt. Die Vertreter von Bund, Ländern und Sozialversicherungen kamen zusammen, um die Räder des Systems ein Stück nach vorn zu drehen – in Summe 17 Köpfe, manche davon in Videoschaltung. Es habe eine lockere Stimmung geherrscht, wie ein Teilnehmer später erzählte, das sei aber nur oberflächlich gewesen: „Die Sitzung musste Ergebnisse liefern.“ Die Öffentlichkeit hungerte nach positiven Meldungen. Nicht umsonst waren die Tagespunkte in weiten Teilen vorverhandelt. Neben der deutlichen Aufstockung der Mittel für die HPV-Impfung im Öffentlichen Impfprogramm sollten Themen rund um die Gesundheitshotline 1450 in die Nachrichten gehievt werden. Die Kommissionsmitglieder wussten, dass sie die leicht angeschimmelte Notrufnummer wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen mussten.

St. Pölten calling.
Christian Fohringer ist verantwortlicher Geschäftsführer für 1450 Niederösterreich. „Wir geben Empfehlungen. Arzttermine müssen sich Anrufer selbst organisieren.“ Patientenlenkung sehe anders aus.
Abbild des Föderalismus
Den Gesundheitspolitikern ist auf allen Ebenen klar, dass das solidarische Gesundheitssystem eine Reihe von Neuerungen braucht. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sei das gegenwärtige Versorgungsniveau ab 2030 nicht zu halten, heißt es in allen Prognosen und Studien. Es werden zu viele Menschen zu schnell alt. Eine der zentralen Lösungen für die Ressourcenprobleme soll die Nutzung digitaler Technologien sein. „Digital vor ambulant vor stationär“ ist wahrscheinlich jener Spruch aus der Rauch’schen Amtszeit, der am längsten in Erinnerung bleiben wird.
Darum hat die Bundesregierung mit der Notrufnummer 1450 viel vor. Sie soll einer der wichtigsten Bausteine für eine effiziente Patientenlenkung sein. 1450 soll maßgeblich dazu beitragen, die richtigen Gesundheitsdienste für die Patienten zum richtigen Zeitpunkt bereitzuhalten. Dabei soll die wachsende Effizienz der Behandlungen helfen, Aufwand und Kosten im Zaum zu halten.
Geht es nach Vizekanzler Andreas Babler, wird die Hotline „zu einem Gesundheitsnavi für Österreich“. Vor diesem Hintergrund ließ die Vorsitzende der Zielsteuerungskommission, Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ), die Beschlüsse laut nach außen tragen: 1450 soll österreichweit vereinheitlicht werden. Dafür werden Basisleistungen definiert, die in allen Bundesländern flächendeckend angeboten werden. Wenn die Menschen in Österreich die Gesundheitshotline wählen, sollen sie in Favoriten, am Karwendel und im Mühlviertel auf dasselbe Mindestangebot an Leistungen zurückgreifen können. Fälle von Fehl- und Überversorgung sollen dadurch reduziert werden. Dabei werden erhobene Informationen digital verarbeitet und – sofern notwendig – direkt in der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) gespeichert. In Notfällen wird eine unmittelbare Weiterleitung an den Rettungsdienst möglich sein. Gleichzeitig sollen einheitliche Qualitätsstandards gelten. Dazu gehört auch, dass bei Bedarf auf Ärzte zurückgegriffen werden kann. 1450 soll künftig Informationen per SMS übermitteln sowie in mehreren Sprachen verfügbar sein, schreibt die Kommission den einzelnen Betreibern ins Aufgabenheft.
Nach Aufbau einer bundesweit gleichen Mindestversorgung soll ab 2027 die nächste Entwicklungsstufe genommen werden. Dann ist geplant, Terminvereinbarungen sowohl in Ordinationen als auch in Spitälern über 1450 abwickeln zu können. Gleichzeitig werden die in manchen Bundesländern bereits installierten Videokonsultationen bundesweit ausgerollt, inklusive Krankschreibung und E-Rezept-Anbindung. Ein attraktiveres Gesundheitsportal und noch zu schaffende Gesundheitsapps sollen bereits vor dem Anruf bei 1450 die Informationen beim Patienten aufbereiten. Staatssekretärin Königsberger-Ludwig wollte leider auf Anfrage nicht erläutern, wie dies alles passieren soll. Fakt ist: Die Vorhabensbeteuerungen schafften es in die Nachrichten. Reaktionen blieben aus.
Das österreichische 1450-Angebot unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland so stark wie ein Würstelstand von einem Haubenrestaurant. In Wien und Niederösterreich können Ärzte nach einer Triage durch 1450 per Videokonsultation direkt mit Patienten kommunizieren. In anderen Bundesländern gelten telemedizinische Anwendungen unverändert als honorardumpendes Teufelszeug. In der Bundeshauptstadt sind Community Nurses bereits in der Lage, über 1450 Termine direkt in angebundene Primärversorgungseinheiten zu buchen. Es können Impftermine vereinbart und Registrierungen für Geburten in WIGEV-Kliniken vorgenommen werden. In Oberösterreich sind alle Krankenhäuser des Landes über eine bestehende Schnittstelle an 1450 angebunden. Derartige Vorhaben stehen in den meisten 1450-Länderstellen maximal auf der To-do-Liste.
Wenn man Christian Fohringer nach Gemeinsamkeiten unter den Landes-Hotlines fragt, lächelt er. Es sei wie mit den meisten Gesundheitsagenden: „Die telefonische Gesundheitsberatung ist länderspezifisch organisiert“, erklärt der für 1450 zuständige Geschäftsführer der Notruf NÖ GmbH. Dabei gebe es einen kleinsten gemeinsamen Nenner: das dahinterliegende Abfragesystem zur medizinischen Ersteinschätzung. Es ist bundesweit dasselbe. (Lesen Sie hier das ganze Interview.)

Skepsis im Blick.
ÖGK-Obmann Peter McDonald und ÖAK-Vizepräsident Edgar Wutscher während der Vorstellung der e-Health-Strategie 2030. Die Plattform zur Terminfreigabe bleibt freiwillig.
Importierte Entscheidungslogik
Der US-Anbieter Priority Dispatch Corporation (PDC) mit Headquarter in Salt Lake City erhielt 2017 den Zuschlag für das klinische Entscheidungsunterstützungssystem („LowCode“), das seither das Rückgrat der heimischen Gesundheitsberatung liefert – einschließlich Lizenzen, Wartung, Schulungen und Übersetzung. Der technologische Impact ist hoch: Das Check-System der PDC, das in über 60 Ländern im Einsatz ist, bietet eine Algorithmus- und Fragenlogik, die am Telefon Schritt für Schritt abgearbeitet wird. Am Ende steht eine digitalisierte Einschätzung des Dringlichkeitsgrads sowie eine Handlungsempfehlung. Der Dispatcher erhält eine Empfehlung für einen Notruf, eine Selbstbehandlung oder Weiterleitung. Eine Einflussnahme auf diese Checklisten durch heimische Instanzen wie die GÖG oder die Implementierung eigener medizinischer Leitlinien ist dabei nicht vorgesehen. Nur Christian Fohringer wurde als einzige Österreicher in das Medical Board von PDC berufen, das per Videocall zwei- bis dreimal jährlich über medizinische Anpassungen der PDC-Checkliste berät.
Das heimische Gesundheitssystem kennt kein Gatekeeping. Es ist in gewisser Weise vogelfrei. Jeder Patient kann auf Kassenleistung zu jedem Point of Service gehen. Das bedeutet, dass jeder eCard-Eigner nach eigenem Ermessen jeden Allgemeinmediziner, jeden Facharzt und jede Spitalsambulanz aufsuchen kann. Er braucht keine Zuweisung. Wenn der erwählte Gesundheitsdienstleister einen Kassenvertrag unterschrieben hat oder als Krankenanstalt mit Öffentlichkeitsrecht firmiert, dann übernimmt der Staat den Großteil der Kosten. Und das kostet Ressourcen auf allen Ebenen. Was die einen als Ausdruck persönlicher Entscheidungsfreiheit bezeichnen, ist für andere Grund für den monströsen Kostenberg an öffentlichen Gesundheitsausgaben – 44 Milliarden Euro für 2024. Auf alle Fälle ist es eine Frage der Wartezeit.
Der Beschluss der Zielsteuerungskommission vom Dezember unterstreicht, dass die Gesundheitspolitik den Betreuungsbedarf ihrer Wähler in Bahnen lenken will. Jeder Patient soll zu dem für ihn oder sie bestgeeigneten Gesundheitsdienstleister gesteuert werden. Aus medizinischer und aus ökonomischer Sicht werden in viel zu vielen Fällen Klinik oder Facharzt in Anspruch genommen. 1450 kann einer dieser Leitkanäle sein, die der Patientenreise Richtung geben. Im Evaluierungsbericht 2025 des Dachverbandes der Sozialversicherungsträger heißt es, dass die Beratung durch die Hotline zu allen Anrufzeiten die Patienten lenken konnte – „dabei zeigt sich, dass der Lenkungseffekt hin zu niedrigeren Versorgungsstufen in ländlichen Regionen geringer ausfällt als in Kleinstädten/Vororten oder städtischen Gebieten“.
Praktiker halten die Situation für deutlich komplizierter. Notruf-NÖ-Geschäftsführer Christian Fohringer, selbst langjähriger Notfallmediziner, sieht seine diplomierten Pflegekräfte an den Telefonen sehr erfolgreich in der Aufgabe, „Bagatellfälle von jenen Fällen zu trennen, die eine Weiterleitung brauchen“. Damit sei ein wichtiger Teil der Lenkungsaufgabe erfüllt. Eine Zuweisung an Ordinationen und Kliniken sei seinen Triage-Teams aber nicht möglich. „Wir haben keinerlei Informationen über freie Kapazitäten“, sieht Fohringer überschaubare Möglichkeiten, über die Beratungsstelle die Kapazitätsauslastung in niedergelassenen Praxen und in den Spitälern zu beeinflussen. „Meine Vision für 1450 ist, einem Anrufer zu sagen: ‚Morgen um 8.30 Uhr haben Sie einen Termin bei Dr. Müller. Ihr Besuch ist eingebucht.‘“ Dann könne die Patientenreise gesteuert werden. Liefert das Gespräch offene Fragen, kann die 1450-Expertin nur die Empfehlung geben, sich einen Arzt zu suchen. Wer keinen Hausarzt hat, erhält die Adressen von offenen Ordinationen oder anderen Anlaufstellen. Für Fohringer ist dies nicht „die Form von Patientenlenkung, wie wir sie brauchen“.

Systemerklärer.
Gesundheitsökonom Thomas Czypionka wartet auf die Gesundheits-App, mit der Patienten sich durch das System geleiten lassen. 1450 dirigiert die Reise, wenn die
App versagt.
App schlägt Telefon
Es gibt keinen Bereich im heimischen Gesundheitssystem, den der Gesundheitsökonom Thomas Czypionka noch nicht analysiert hat. „Wenn 1450 gut gemacht ist, hat es einen deutlichen Einfluss auf das Patientenverhalten“, verweist der IHS-Forscher auf eine Studie seines Hauses („Digitale Patient*innensteuerung mittels Apps: Wo steht Österreich?“). Der Mediziner und Betriebswirt spielt – wie könnte es anders sein – auf die länderspezifischen Ungleichheiten in Aufbau und Angebot der Gesundheitsnummern an: „Manche Landesregierungen haben mehr Interesse an 1450 gezeigt als andere.“ Die Voraussetzungen für ein gutes Gelingen seien qualifizierte Mitarbeiter, der gekonnte Umgang mit dem leitlinienbasierten Abfragesystem und – für Czypionka ganz wesentlich – „das Pouvoir, einen Bagatellfall als solchen zu beraten“. Es gebe keine Lenkungsfunktion, wenn jeder Anrufer ohne Not in die Notfallambulanz durchgewunken werde. Der Rat zur Selbsthilfe und Empfehlungen für ein Medikament oder Hausmittel seien in vielen Fällen ausreichend. 1450 ist gut darin, die leichten Fälle herauszufiltern.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für eine akzeptierte Patientensteuerung über digitale Kanäle sei die Terminvergabe. Czypionka verweist dabei auf die dänische Gesundheitsapp MinLæge, die gezielt für den Zugang zu hausärztlichen Leistungen entwickelt wurde. Eines der Hauptziele der digitalen Anwendung bestand darin, ein einheitliches System für die Terminvergabe bei allen Hausärzten in Dänemark bereitzustellen. Die App habe die Terminverwaltung für Patientinnen deutlich vereinfacht und standardisiert, so die Studie. Neben der Online-Terminbuchung bietet die App eine Darstellung aller vereinbarten und absolvierten Arzttermine in Form einer Timeline. Der britische NHS betreibt eine vergleichbare Plattform. Die NHS-App erlaubt ebenfalls die digitale Buchung und Verwaltung von Terminen bei Hausärzten, allerdings können hier die Ordinationen entscheiden, ob sie die Online-Vergabe freischalten und wie weit im Voraus Termine über die App gebucht werden können. Für Czypionka haben die britischen und dänischen Apps großen Charme: „Warum sollen solche Werkzeuge nicht auch in Österreich funktionieren?“
Mit der richtigen Schnittstelle zu einer Buchungsplattform könnte 1450 einen großen Sprung in der öffentlichen Akzeptanz machen – und damit Lenkungsautorität gewinnen. Die Vorbehalte für eine effektive Patientensteuerung, die Betreiber Christian Fohringer im Alltag ortet, würden wegfallen. Aus Sicht der Gesundheitspolitik werden mit der Terminkompetenz die Mobilisierung freier ambulanter Kapazitäten und die strukturierte Verteilung der Patientenströme deutlich effektiver. Bleibt die Frage, ob der niedergelassene Bereich eine Terminvergabe durch externe Instanzen hinnehmen würde oder ob die Vertreibung der Vertragsärzte aus dem solidarischen Gesundheitssystem nur befeuert würde. Thomas Czypionka ist der Ansicht, dass es „im Kassenbereich durchaus Spielräume für derartige Abkommen geben würde“. Und er hat recht. Zumindest teilweise.
Es war Ende Jänner, als sich Ärztekammer-Vize Edgar Wutscher einträchtig Seite an Seite mit dem aktuellen ÖGK-Obmann Peter McDonald und der Vorsitzenden der Konferenz der Sozialversicherungsträger, Claudia Neumayr-Stickler, den Medien präsentierte. Das für den ambulanten Bereich zuständige Trio wurde bei der Pressekonferenz flankiert von Gesundheitsministerin Korinna Schumann. Das Quartett stellte neue Pläne für eine digitale Nutzung der eCard vor und schwelgte in weiteren Vorhaben. Neben künftigen E-Zuweisungen für bildgebende Untersuchungen – Papierformulare sollen endgültig obsolet werden – und einer Erinnerung an die verpflichtende Diagnosencodierung ab 1. Juli wird auch die digitalisierte E-Verordnung von Heilbehelfen, Hilfsmitteln und Transportscheinen zum Standard. Besonderer Raum wurde aber der Idee eines Online-Terminservices eingeräumt. Freie Termine in Ordinationen, Gruppenpraxen und Primärversorgungseinheiten sollen ab 2027 in einer digitalen, österreichweiten Plattform aufscheinen. Dafür werden die Medizinerinnen und Mediziner freie Kapazitäten ins E-Terminservice einmelden – und zwar freiwillig, wie der Ärztekammervertreter Wutscher unterstrich. Ein Termin wird dann über die Plattform direkt beim Anbieter gebucht. Sollte es diese Termine in 18 Monaten wirklich geben, ist die Plattform eine große Chance zu einer effektiven Patientensteuerung. Der technische Schritt zu einer notwendigen Einbindung in das 1450-Programm ist ein kleiner. Der Übergang von der Freiwilligkeit zu einer verbindlichen Freigabe von Ordinationsterminen wäre dann schon ein großer. Die Patientenreise darf nicht zu früh zu Ende gehen.
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