Reha neu gedacht

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Autor: Michael Krassnitzer

Planung und Betrieb moderner Rehabilitations-Einrichtungen haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert. Das frisch eröffnete Reha-Zentrum für Stoffwechselerkrankungen in Bad St. Leonhard folgt den neuen Maßstäben.

Die Schwefelquelle in Bad. St. Leonhard ist eine von insgesamt 18 Thermal- und Heilwasserquellen im Kärntner Lavanttal. Ihre heilende Wirkung war bereits im Mittelalter bekannt. Nach Jahren des Niedergangs wurde 2009 in dem schmucken Ort ein modernes Gesundheitsresort eröffnet. In dieses Wellness- und Kurzentrum wurde vor wenigen Monaten ein Reha-Zentrum mit 54 Plätzen integriert, das auf Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus, Metabolisches Syndrom, Adipositas und Fettstoffwechselstörungen spezialisiert ist. „Ein besonderer Vorteil des Hauses ist die Kombination von erstklassiger medizinischer Versorgung mit einem auf die Patienten abgestimmten Wohlfühl-Ambiente“, bekräftigt Ali Kaan Akmanlar, ärztlicher Direktor der Stoffwechsel-Rehabilitation, die ebenso wie das Gesundheitsresort von OptimaMed betrieben wird.

Das im August des Vorjahres eröffnete Zentrum ist die jüngste und somit wohl modernste Rehabilitationseinrichtung Österreichs. Akmanlar hebt im Gespräch mit der ÖKZ die innovativen Therapieansätze und die allerneueste medizinische sowie technische Ausstattung hervor. Vom Diktiergerät über eine fast papierlose Patientendokumentation bis zu neuesten Medizin- und Therapiegeräten – in Bad St. Leonhard ist man up to date. Die Ausstattung wurde entweder ganz neu angeschafft oder von zwei Standorten übernommen, die kürzlich von OptimaMed aufgegeben wurden: Micheldorf und Hallein. Im Agathenhof in Micheldorf haben sich mittlerweile mehrere unterschiedliche Gesundheitsanbieter angesiedelt, in Hallein will das Land Salzburg künftig eine Einrichtung zur Überleitungspflege betreiben.

Verdauungsfördernd.
Das Reha-Zentrum Bad. St. Leonhard nutzt die Schwefel­quellen der Region. Die Einrichtung verbindet modernste Rehabilitationserfordernisse mit Wellnessansprüchen.

Keine Binsenweisheiten

Ziel der Rehabilitation bei Stoffwechselerkrankungen sind die Wiederherstellung der Funktionen, die Umstellung der Ernährung und Schmerzbehandlungen, um die Beweglichkeit wieder herzustellen. Das Basisprogramm umfasst unter anderem Bewegungstherapie, Ernährungstherapie und psychologische Behandlung und ist von der Pensionsversicherung (PV) in Form eines Leistungsprofils vorgegeben.

Besonderer Wert wird in Bad St. Leonhard auf die Schulungen der Reha-Patienten gelegt. „Wir wiederholen nicht nur die üblichen Binsenweisheiten, sondern versuchen, über alle Probleme rund um den Stoffwechsel aufzuklären“, unterstreicht Akmanlar. Dazu gehören auch Informationen über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln: einerseits bei jenen Medikamenten, die in den letzten Jahrzehnten missbräuchlich zum Abnehmen eingesetzt wurden, andererseits bei jenen neuen Medikamenten, die tatsächlich zum Abnehmen entwickelt wurden und schön langsam auf den österreichischen Markt kommen.

Auch die Einleitung von Therapien ist eine Spezialität des Stoffwechsel-Rehazentrums in Bad St. Leonhard. Denn die neuesten therapeutischen Anwendungen stellen etwa Diabetiker mitunter vor große Herausforderungen. Die Bedienung von Insulinpumpen und automatischer Blutzuckermessung (Continuous Glucose Monitoring, CGM) muss erst erlernt werden. In St. Leonhard werden die Patienten in eigenen Schulungen mit dem Gebrauch der Pumpen bzw. der Sensoren vertraut gemacht, sodass sie bei der Entlassung nach Hause bereits mit deren Anwendung vertraut sind. Es kann aber auch vorkommen, dass das ärztliche Team Therapien absetzt. Eine weitere Leistung, die das Stoffwechsel-Rehazentrum in Bad St. Leonhard bietet, ist die psychologische Begleitung der Patienten.

Zugang zum Wellness-Bereich

Das Besondere am Stoffwechsel-Rehazentrum Bad St. Leonhard ist, dass die Patienten Zugang zum Gesundheitsresort haben. Damit stehen ihnen Bequemlichkeiten und Freizeitbeschäftigungen zur Verfügung, die eine ausschließlich auf Rehabilitation spezialisierte Einrichtung normalerweise nicht bieten kann. Dazu gehören ein Outdoor- sowie ein Indoor-Swimming-Pool, ein Therapiebecken für Unterwassergymnastik, ein Saunabereich (finnische Sauna, Dampfsauna, Infrarotwärmekabine). Die Reha-Patienten können auch die hauseigene Schwefel-Heilquelle und eine Kältekammer nutzen. Schwefelbäder sind ein traditionelles natürliches Heilmittel, mit dem Erkrankungen der Gelenke, der Wirbelsäule, des Bewegungsapparats und der Haut behandelt werden; die Wirkung der Ganzkörperkältetherapie beruht auf der plötzlichen, schockartigen Abkühlung der Haut und wird unter anderem bei entzündlich-rheumatischen Gelenkserkrankungen oder Schlafstörungen eingesetzt.

Ein Café mit einer großen Terrasse und ein 3.000 Quadratmeter umfassender Park runden das Freizeitangebot ab. Im Park befindet sich auch ein Kräutergarten, in dem 2.500 Pflanzen aus 110 verschiedenen Sorten wachsen. Die Heilkräuter, Beeren und Blüten werden dazu verwendet, die Küche des Hauses zu verfeinern. Der Park, in dem Bänke und Schattenplätze zur Entspannung einladen, ist auch an die zahlreichen Wanderwege in der Umgebung angeschlossen.

Die 24-Stunden-Anwesenheit von Ärzten und diplomiertem Pflegepersonal wiederum kommt auch – etwa bei akuten medizinischen Fragen und Notfällen – den Kur- und Wellnessgästen zu Gute. Ansonsten sind – wie von der PV vorgegeben – die Reha-Patienten von den Kur- und Wellnessgästen separiert. Die Zimmer liegen in unterschiedlichen Bereichen, die Therapieräume sind räumlich voneinander getrennt, ebenso Restaurant und Speisesaal.

Zeitgemäße Pädagogik.
Ali Kaan Akmanlar, ärztlicher Direktor der Stoffwechsel-Rehabilitation, unterstreicht den Stellenwert einer Verhaltensänderung, die Patienten nach dem stationären Aufenthalt gesund halten soll: Sein Haus geht dabei neue Wege.

Geblockte Arbeitszeiten

Auf dem Reha-Sektor herrscht in ganz Österreich ein erhöhter Personalbedarf – nicht nur bei den Ärzten und den Pflegekräften, sondern auch bei den Therapeuten, Masseuren, Sportwissenschaftlern, im Service und in der Küche. Für einen Reha-Betrieb abseits der Ballungszentren ist es daher besonders wichtig, Mitarbeitern ein gutes Arbeitsklima und andere Vorzüge zu bieten. Dazu gehört es, dem Umstand Rechnung zu tragen, dass viele Mitarbeiter lange Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen. Das medizinische Personal – also Pflegepersonal und Ärzte – etwa reist zum Teil aus Klagenfurt oder Graz nach Bad St. Leonhard an. Um diesen Mitarbeitern Fahrten zu ersparen, sind deren Arbeitszeiten geblockt. Zugleich wurden Mitarbeiterunterkünfte außerhalb des Hauses geschaffen. Diese Unterkünfte stehen auch Mitarbeitern aus dem Ausland zur Verfügung.

Dass 54 der 120 Zimmer des Gesundheitsresorts in Reha-Plätze umgewandelt wurden, hatte eine Erhöhung der Auslastung zum Ziel. Diese Rechnung ist aufgegangen. Dazu musste freilich das bestehende Personal aufgestockt werden. Auch dass die Reha-Patienten eine andere Klientel darstellen als Kurgäste oder Wellnessurlauber, war für viele Mitarbeiter des Gesundheitsresorts zunächst ungewohnt. Reha-Patienten sind ja mitunter schwer krank und daher aus pflegerischer Sicht deutlich anspruchsvoller. Trotzdem ist Akmanlar heilfroh, dass das von ihm geleitete Reha-Zentrum auf einen laufenden Betrieb draufgesetzt wurde: „Es ist ganz schwierig, einen solchen Betrieb von null aufzubauen.“