Ralf Harun Zwick über die Post-Covid-Reha: „Der Strom ist ungebrochen“

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Autor: Martin Hehemann

Ralf Harun Zwick, ärztlicher Leiter der Ambulanten Rehabilitation der Therme Wien, ärgert sich über das fehlende Verständnis für die Post-Covid-Erkrankung – und kritisiert die schlechte Unterstützung nach der Reha.

Herr Dr. Zwick, wie hat sich bei Ihnen die Zahl der Post-Covid-Patienten in den vergangenen Jahren auf Ihrer Ambulanz entwickelt?
Ralf Harun Zwick: Die Zahl ist relativ konstant, weil wir von den Sozialversicherungen Patientinnen und Patienten zugewiesen bekommen. Diese verteilen die Betroffenen auf die Reha-Zentren. Natürlich hatten wir in den ersten Wellen sehr hohe Zahlen. Über die Jahre – seit 2020 – sind sie tendenziell langsam gefallen, aber der Strom ist ungebrochen.

Wie groß ist das Spektrum der Erkrankungen, die sie behandeln?
Das Spektrum ist riesig. Manche können wieder einen Marathon laufen, andere schaffen nicht einmal die Körperpflege. Im schlimmsten Fall werden sie pflegebedürftig. Die Bandbreite reicht von jungen Menschen mit geringen Problemen während der Infektion bis hin zu Personen, die auf der Intensivstation lagen, eine Lungenentzündung hatten und danach in die Rehabilitation kommen, um wieder in den Alltag zurückzufinden.

Ignoranzbekämpfung.
Post-Covid wird mancherorts häufig als psychosomatisch bedingt eingestuft.

Was ist bei der Rehabilitation von Patienten mit postakuten Infektionssyndromen, den PAIS-Erkrankten, besonders wichtig?
Das Problem ist, dass wir grundsätzlich alle Prozesse ändern mussten. Das beginnt schon bei der Einladung, wo die Patientinnen und Patienten einen QR-Code bekommen mit einem Link zu speziellen digitalen Fragebögen. Das hat sich sehr bewährt. Sie können diese in Ruhe zu Hause ausfüllen – ohne Stress, ohne ärztliche Umgebung und sie können sich Zeit lassen. So erhalten wir ein sehr gutes Bild, welche Beschwerden vorliegen. Denn Post-COVID oder ME/CFS sind Umbrella Terms. Wir versuchen, die Betroffenen zu phänotypisieren – also individuell einzuordnen. Und dazu müssen alle Prozesse angepasst werden.

Wie behandeln Sie diese Patienten?
Das hängt ganz von den Symptomen ab: Viele haben eine neurokognitive Störung – Konzentrationsprobleme, Gedächtnisschwächen. Früher haben sie für das Lesen eines Artikels eine halbe Stunde gebraucht, heute brauchen sie doppelt so lange. Das behandeln wir gezielt in der Ergotherapie. Andere haben Sehstörungen, Lichtempfindlichkeit, können nicht mehr am Computer arbeiten. Dann machen wir spezielle Augenübungen mit ihnen.

Was ist mit psychischen Problemen?
Das ist ebenfalls ein großes Thema. Viele Menschen leiden unter Angstzuständen, Depressionen oder sozialer Isolation. Dann greifen unsere psychologischen Fachkräfte ein. Es sind meist keine primären Depressionen, sondern sekundäre: Sie ergeben sich aus der belastenden Lebenssituation. Manchmal verlassen die Partner die Betroffenen, weil sie das nicht mehr mittragen können – das alles hat Folgen. Dazu kommen mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen: Die Menschen haben Angst, ihre Jobs zu verlieren. Dann schaltet sich unsere Sozialarbeiterin ein. Wir kümmern uns um das ganze Leben der Menschen. Es ist ein hochkomplexes Krankheitsbild, das viele Ebenen berührt. In dieser Form habe ich das in 15 Jahren Reha-Arbeit noch nie gesehen.

Wie gut ist das österreichische Gesund­heitssystem auf diese Herausforderung vorbereitet?
Aus medizinischer Sicht sehr gut. Ich bin von Anfang an im Ministerium und in Fachgremien eingebunden gewesen. Wir haben Empfehlungen formuliert – etwa im obersten Sanitätsrat – und sie dokumentiert. Aber ob das politisch und strukturell umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Hier kommt der Föderalismus zum Tragen. Die Umsetzung liegt bei den Ländern. Ich lese in den Medien, dass daran gearbeitet wird. Aber konkrete Versorgungszentren, die auch tatsächlich behandeln, kenne ich noch nicht.

Was passiert mit Ihren Patienten nach der Reha?
Wir haben eine gute Rehabilitationsstruktur in Österreich, sowohl stationär als auch ambulant. Aber es fehlt an regionalen Versorgungseinheiten danach – insbesondere für schwer betroffene ME/CFS-Patientinnen und -Patienten, die nicht mobil sind. Wir bräuchten hier telemedizinische Konzepte: regelmäßige Videotermine mit medizinischen, therapeutischen oder psychologischen Expertinnen und Experten. So könnten auch immobile Menschen betreut werden.

Sie haben vorhin von einer „emotionalen“ Diskussion um COVID gesprochen …
… ja, leider. Ich bin seit mehr als 35 Jahren als Arzt tätig, aber diese Mischung aus medizinischer Komplexität und gesellschaftlicher Ignoranz habe ich selten erlebt. Es werden Glaubenskriege geführt, anstatt sich auf Evidenz zu stützen.

Was sagen Sie zur Kritik, dass bei der medizinischen Begutachtung durch die PVA Post-COVID-Erkrankte oftmals pauschal als psychosomatisch eingestuft werden?
Das ist ein Problem. Deshalb organisiere ich regelmäßig Fortbildungsreihen. Es wird oftmals gesagt, dass es keine messbaren Parameter für PAIS gibt, das ist aber falsch. Es gibt sehr wohl messbare Parameter.

Welche Parameter sind das?
Nehmen Sie die autonome Dysfunktion: Mit dem Schellong-Test gibt es einen einfachen klinischen Funktionstest zur Untersuchung der Kreislauffunktionen. Neunzig Prozent der Patienten bei mir haben keinen Schellong-Test gemacht, obwohl sie seit Jahren typische Beschwerden haben. Wir messen bei rund 30 Prozent Atemmuskelschwächen. Auch Diffusionsstörungen in der Lunge sind messbar – basierend auf muskuloskelettaler Schwäche, ausgelöst durch das Virus. All das ist keine subjektive Meinung – sondern messbare Evidenz. Und genau das müssen wir vermitteln: Die Erkrankung ist real. Sie ist komplex. Und sie ist zum Teil behandelbar. 

Zur Person:

Dr. Ralf Harun Zwick ist Facharzt für Innere Medizin und Lungenkrankheiten und ärztlicher Leiter für ambulante internistische Rehabilitation der Therme Wien Med.

Quellen und Links:

Informationen zur Lungenreha von Ralf Harun Zwick:
lungenreha.at

Long Covid: Krankheit mit vielen Gesichtern:
www.ogp.at/blog/long-covid-krankheit-mit-vielen-gesichtern

Integrierte Versorgung von Post Covid-19 Patient:innen in Wien:
psychiatrie-psychotherapie.meduniwien.ac.at

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