Künstliche Intelligenz provoziert Fragen nach Verantwortung und Kontrolle. Ihr Einsatz ist eine grundlegende Herausforderung für Organisation, Personal und medizinisches Selbstverständnis.
Auch wenn die KI-Erzählungen von dramatischen Begriffen wie Revolution und Paradigmenwechsel nur so strotzen – im Krankenhausalltag gehen Veränderungen deutlich weniger dramatisch vor sich. Künstliche Intelligenz kommt dort nicht als radikale Kehrtwendung, sondern bedient sich der Taktik des Einsickerns. Es braucht alles seine Zeit. Für viele Akteure im Gesundheitssystem ist diese Bräsigkeit unerträglich. Für andere Entscheider ist dies eine Form der weisen Vorsicht. Es zeigt sich, dass der Einsatz von KI im klinischen Umfeld kein rein technisches Thema ist. Fragen der Datenqualität, der Governance und der praktischen Integration in bestehende Abläufe sind Voraussetzung, um (künstliche) Intelligenz nutzbar zu machen.

Wirkmächtig.
Digitale Systeme verändern unser Denken – nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern in seiner Struktur. Ob daraus ein Fortschritt oder ein Verlust entsteht, ist keine technische, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung.
Balance der Gegensätze
Aktuell werden diese Spannungsfelder intensiv verhandelt. Johann Minihuber, Geschäftsführer des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern in Ried, und Georg Langs von der Medizinischen Universität Wien näherten sich bei der alljährlichen Fachveranstaltung des „Forum Hospital Management“ dem Thema Künstliche Intelligenz aus zwei Perspektiven – der praktischen Anwendung im Klinikalltag und der technologischen Entwicklung. Die beiden Vortragenden waren sich dennoch einig: KI ist längst Realität, ihr Wert liegt aber nicht im Ersatz des Menschen, sondern in der gezielten Unterstützung. Klinikmanager Minihuber beschreibt die Ausgangslage im Krankenhaus als enorme Drucksituation: steigende Patientenzahlen bei gleichzeitig begrenzten personellen Ressourcen. „Wir müssen unbedingt Prozesse anschauen, wo wir die Menschen, die beim Patienten sind, unterstützen können“, erklärt er. Genau hier setzt KI an – etwa bei der Infektionsüberwachung, der Delir-Erkennung oder der Analyse von Mangelernährung. Systeme laufen im Hintergrund, analysieren Datenströme und liefern Hinweise, die Ärztinnen und Ärzte gezielt überprüfen und in Entscheidungen übersetzen. Dabei bleibt für Minihuber „der Mensch im Mittelpunkt“. KI sei Werkzeug, kein Ersatz. Gerade einfache, aber wirkungsvolle Anwendungen wie automatisierte Datenerfassung oder intelligente Patientenschnittstellen würden zeigen, dass Effizienzgewinne oft dort entstehen, wo Prozesse entlastet werden.
Georg Langs, Leiter des Computational Imaging Research Lab, einer großen Forschungsgruppe an der MedUni Wien, geht einen Schritt weiter. Der eigentliche Nutzen von KI liege nicht darin, einzelne Aufgaben zu automatisieren, sondern darin, Prozesse grundlegend neu zu denken. KI kann etwa während Operationen Gewebe in Echtzeit analysieren oder in der Radiologie komplexe Muster erkennen und quantifizieren. „Wir sehen nicht nur Automatisierung, sondern eine Veränderung dessen, was wir überhaupt beobachten können“, erklärt Langs. Damit verschiebe sich der Fokus: weg von reiner Effizienz hin zu besserer Diagnosequalität und präziseren Therapieentscheidungen. Ziel sei es, Muster zu erkennen, Risiken frühzeitig einzuschätzen und Therapien individueller zu gestalten. „Der wirkliche Wert von KI ist nicht, überall 20 Prozent Zeit einzusparen“, sagt Langs, „sondern bessere Entscheidungen zu treffen.“ Entscheidend sei nicht die Technologie, sondern ihr Nutzen. Spitalsmanager Minihuber hält KI-Einsatz für erfolgreich, wenn sie „dort ihren Platz findet, wo sie den Menschen stärkt, nicht ersetzt“.
Digitale Systeme verändern unser Denken
Sabine T. Köszegi ist Arbeitswissenschaftlerin an der TU Wien. Sie berät Politik und Institutionen zu Künstlicher Intelligenz. Aus dieser weit über den Spitalsbereich hinausgehenden Perspektive stellte sie beim Forum eine ebenso einfache wie weitreichende Frage: Verändern digitale Systeme unser Denken? Denken, so betont sie, sei mehr als das Abrufen von Informationen. Es sei ein innerer Dialog, eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Umwelt. Digitale Systeme – „Künstliche Intelligenzen“ – liefern aber sofort Antworten –, oft noch bevor eine Frage überhaupt „reifen“ könne. Köszegi spricht von einer „Illusion des Wissens“. Systeme wirken kompetent, obwohl sie lediglich Wahrscheinlichkeiten berechnen. Vor allem weniger erfahrene Personen profitieren kurzfristig stark, weil sie durch KI auf ein höheres Leistungsniveau gehoben werden. Erfahrene Fachkräfte hingegen gewinnen weniger hinzu. „Man kompensiert Berufserfahrung und Ausbildung mit diesen Tools“, fasst Köszegi zusammen. Darin schlummert ein strukturelles Problem: Wenn Kompetenzen nicht mehr aufgebaut werden müssen, stellt sich die Frage, wie zukünftige Expertise überhaupt entstehen soll.
Das Outsourcen von Denkarbeit an eine KI hat dramatische Folgen: Zentrale Fähigkeiten wie Analyse, Bewertung und eigenständige Urteilsbildung werden seltener genutzt. Statt Informationen selbst zu erarbeiten, prüfen viele nur noch die Vorschläge der Maschine. „Mit der Häufigkeit der Nutzung verlieren wir unsere kritische Denkfähigkeit“, warnt Köszegi. Diese Entwicklung betrifft vor allem junge Menschen, die erst lernen müssten, wie man komplexe Probleme eigenständig durchdringt. Nur mit eigenem Wissen kann unsere Erkenntnis wachsen.
Einförmigkeit des Fortschritts
Hinzu kommt ein weiterer Effekt, der oft unterschätzt wird: die Vereinheitlichung von Perspektiven. Wenn viele Menschen dieselben Systeme nutzen, nähern sich ihre Antworten an. Köszegi beschreibt das anschaulich aus der akademischen Lehre: Früher entstanden zahlreiche unterschiedliche Texte, heute ähneln sich die Beiträge stark – ChatGPT und Co lassen grüßen. Was auf individueller Ebene effizient wirkt, kann auf gesellschaftlicher Ebene zu einem Verlust an Vielfalt und Innovationskraft führen.
Am Ende läuft Köszegis Argumentation auf eine grundlegende Einsicht hinaus: Digitale Systeme verändern unser Denken bereits heute – nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern in seiner Struktur. Ob daraus ein Fortschritt oder ein Verlust entsteht, ist jedoch keine technische, sondern eine gesellschaftliche Entscheidung. Oder, wie Köszegi es selbst formuliert: „Wir sollten die Geduld haben, Fragen zu leben.“ Denn vielleicht entscheidet sich genau darin, ob wir das Denken behalten – oder es schrittweise aus der Hand geben.
Das Forum Hospital Management ist eine gemeinsame Initiative vom AKH Universitätsklinikum Wien, der Wirtschaftsuniversität Wien und der Vinzenz Gruppe.

