Korinna Schumann: „Keine Maus, sondern ein ordentliches Reformprogramm“

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Autor: Josef Ruhaltinger

Mehr Versorgungssicherheit, weniger Spitalslastigkeit und eine stärkere öffentliche Gesundheitsversorgung: Gesundheitsministerin Korinna Schumann erläutert im Interview die Ziele der Reformpartnerschaft, den Ausbau von Facharztzentren sowie die Weiterentwicklung von ELGA zur umfassenden Patientenakte.

Frau Bundesministerin, Sie kommen gerade aus einem Termin im Burgenland. Der dortige Landeshauptmann Peter Doskozil hat Ihren Plänen für die Spitalsplanung heftig widersprochen. Ist das jetzt Feindesland?
Korinna Schumann: Aber nein, das stimmt ja nicht. Ich glaube, es ist wichtig, dass man Meinungen austauscht und vielleicht auch Missverständnisse klärt. Das ist normal im politischen Prozess.

Die Erwartungen an die Reformpartnerschaft waren groß. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?
Es war wichtig, diesen Prozess einmal zu strukturieren, die Pfeiler festzulegen und sich auf einen gemeinsamen Weg zu einigen. Jetzt sind wir in der zweiten Phase, in der wir das Ganze mit gesetzlichen Regelungen und konkreten Ausformulierungen auf den Weg bringen müssen. Das Papier war ein erster wichtiger Schritt der Einigung, jetzt kommt die Umsetzung.

War es politisch klug, zuerst große Ziele zu präsentieren, obwohl Finanzierung und Beschlüsse noch offen sind?
Wir bauen auf einem sehr guten Gesundheitssystem auf, das aber Schwachstellen hat – in der Versorgung, bei den Wartezeiten und auch beim Vertrauen der Menschen. Deshalb war es wichtig zu sagen, wohin wir wollen. Es geht um eine längerfristige Reform, die nicht nur Strukturfragen umfasst, sondern auch Gesundheitspersonal, Berufsbilder und Digitalisierung. Dieser umfassende Blick ist gemeinsam gelungen. Jetzt brauchen wir die Umsetzung.

Korinna Schumann (1966)
ist seit März 2025 Bundesministerin für Soziales und Gesundheit; seit April umfasst ihr Ressort auch Arbeit, Pflege und Konsumentenschutz. Ihre berufliche Laufbahn begann 1989 im Sozialministerium. Schumann war langjährig in der Gewerkschaftsbewegung tätig, unter anderem als ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende und Vizepräsidentin des ÖGB. Von 2018 bis 2025 gehörte die SPÖ-Politikerin dem Bundesrat an, dessen Präsidentin sie im zweiten Halbjahr 2022 war. Vor ihrem Wechsel in die Bundesregierung führte sie von 2019 bis 2025 die SPÖ-Fraktion im Bundesrat.

Wir geben sehr viel Geld für Gesundheit aus – und trotzdem wächst die Kritik an der Zweiklassenmedizin. Ist das System zu ineffizient?
Gegenfrage: Wie definieren Sie Ineffizienz?

Dass wir immer mehr Geld mobilisieren, ohne dass entsprechend mehr Versorgung herauskommt.
Das ist eine der Hauptfragen: Wie können wir das öffentliche System stärken und Entwicklungen der Privatisierung zurückdrängen? Wir müssen das Versprechen, das wir den Menschen mit dem ASVG geben, auch wirklich umsetzen. Wir brauchen Versorgungsstrukturen, die transparent sind und für die Menschen nachvollziehbar machen, wo sie Versorgung bekommen und dass sie sich auf das öffentliche System verlassen können.

Alle Systemakteure beteuern seit Jahren: Wir müssen etwas ändern. Sobald es konkret wird, wachsen die Widerstände. Verstehen Sie den Eindruck, dass wieder einmal „eine Maus gekreißt“ hat?
Im Gesamtblick auf das, was wir auf den Tisch gelegt haben, ist es keine Maus, sondern ein ordentliches Reformprogramm. Natürlich gibt es bei Reformen viele Diskussionen und Kritik. Aber wir werden daran gemessen werden, wie viel wir auf den Boden bringen, wie wir das öffentliche System stärken und wie wir die Vorhaben in Gesetze und Vereinbarungen gießen. Mit dem Reformpapier allein ist noch nichts getan. Es ist der erste Schritt.

Wie groß ist die Gefahr, dass wir zu Weihnachten wieder vor einem Konzept stehen und nicht wissen, wie die entscheidenden Dinge umgesetzt werden?
Die Menschen haben ein Recht auf Versorgung im öffentlichen System. Genauso erwarten Ärztinnen und Ärzte und alle Beschäftigten im Gesundheitswesen, dass jetzt Dinge auf den Weg gebracht werden. Mir geht es nicht darum zu sagen, was alles nicht gehen wird, sondern darum, Lösungen zu finden und die Dinge voranzubringen.

Österreich ist stark spitalslastig. Sie vermeiden bewusst das Wort Spitalsschließung und sprechen von „Weiterentwicklung“ von Standorten, etwa zu multifunktionalen Facharztzentren. Geht die Reform ohne Schließungen?
Das Spitalswesen befindet sich in einem Wandel, genauso wie die Medizin – hin zu höherer Spezialisierung. Spitäler sind Orte der spezialisierten Medizin. Dort müssen wir den Menschen die bestmögliche Spitzenmedizin zur Verfügung stellen. Gleichzeitig müssen wir die Spitäler von Aufgaben entlasten, die im Primär- oder Sekundärversorgungsbereich gelöst werden können. Facharztzentren können Fachmedizin bündeln und Spitäler entlasten. Dazu kommen tagesmedizinische Angebote.

Hans Peter Doskozil widerspricht mit deutlichen Worten. Vorarlbergs Landeshauptmann Markus Wallner teilte unverblümt mit, dass nur die Länder wüssten, wo sie Spitäler brauchen. Der Richtungsstreit ist offensichtlich. Wie soll das Gesundheitssystem ohne Neudefinition der Kompetenzen leichter steuerbar werden?
Ich würde es nicht als Streit sehen, sondern als Frage, wie wir Versorgungsstrukturen regional gut aufstellen. Die Länder werden weiterhin ihre Regionalstrukturen planen. Aber wir müssen den Menschen ein Versorgungsversprechen geben. Bevölkerungszahl, Erreichbarkeit und Alter müssen berücksichtigt werden. Dass Facharztzentren künftig von Ländern und Sozialversicherung gemeinsam geplant und finanziert werden, ist ein wesentlicher Schritt.

Werden Facharztzentren dort entstehen, wo heute Kleinspitäler stehen?
Es wird verschiedenste Ausformungen geben, die in den Regionen und Ländern geplant werden müssen – auch über Ländergrenzen hinweg. Versorgungsstrukturen hören nicht an einer Landesgrenze auf. Das wird in den Regionalstrukturen geplant werden. Die Menschen dort wissen das besser, als wenn man es von oben verordnet.

Wenn sich die Partner blockieren, soll ein Schiedsverfahren entscheiden. Ist schon klar, wie dieses Instrument aussehen wird?
Das arbeiten wir gerade aus. Wir führen die Strukturen der Reformpartnerschaft weiter und versuchen, die im Papier festgeschriebenen Punkte in gesetzliche oder strukturelle Regelungen umzusetzen. Beim Schiedsverfahren geht es darum, die Bundeszielsteuerungskommission schneller in ihren Handlungsschritten voranzubringen, damit die Dinge nicht stocken.

Was soll aus ELGA werden?
ELGA muss zu einer umfassenden Patientenakte werden. Wir müssen Doppelbefundungen vermeiden, den Patient Summary schneller auf den Weg bringen und auch die Pflege in ELGA integrieren. Dafür stehen 50 Millionen Euro aus dem Investitionsfonds zur Verfügung. ELGA muss als wichtiger Teil des Gesundheitssystems gestärkt und die Entscheidungsprozesse müssen effektiver werden.

Unterm Strich wirkt das wie eine Politik der kleinen Schritte. Wo bleibt der große Wurf?
Ich bin eine Verfechterin der Schritte, die realistisch sind und die Dinge verbessern. Allein zu sagen, ich mache eine große Reform und lasse keinen Stein auf dem anderen, bringt uns nicht voran. Das haben wir bei der Sozialversicherungsreform erlebt.

Als Gesundheitsministerin werden Sie für alles verantwortlich gemacht, können aber vieles gar nicht entscheiden. Frustriert das?
Nein. Das ist ein realistischer Blick auf die Möglichkeiten und gleichzeitig auf die Verantwortung, die man mit diesem Amt übernimmt. Wir wollen ein öffentliches System, das jedem Menschen – egal wie alt jemand ist, was er im Geldbörsel hat oder wo er wohnt – die beste Versorgung zur Verfügung stellt. Dafür sitze ich da.

Weiterlesen:

Coverstory der ÖKZ 4/2026 > Reform auf Bewährung:
www.gesundheitswirtschaft.at/publikation/67-jg-2026-4/reform-auf-bewaehrung

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